Das Verhältnis USA – Lateinamerika

Von German Kratochwil

Vor zehn Jahren, im Spätsommer 1961, unterzeichneten die Vertreter von 19 lateinamerikanischen Staaten und den Vereinigten Staaten von Nordamerika in Punta del Este (Uruguay) eine Erklärung der "Völker Amerikas" und eine richtungweisende Charta für eine "Allianz für den Fortschritt". Nur Kuba verweigerte die Unterschrift. Sein Vertreter wurde sechs Jahre später in einem Schuppen des bolivianischen Busches erschossen. Vier Jahre vorher war dem Initiator der Allianz in Dallas das gleiche Schicksal widerfahren.

Inzwischen hat Richard Nixon eine neue Entwicklungsdekade eingeläutet; wieder werden hoffnungerweckende Ziele gesteckt. Und wieder einmal werden allzu schnell Argumente abgetan, die bei einer aufmerksameren Betrachtung helfen könnten, daß dem nächsten Plan nicht jetzt schon das Schicksal der ersten Allianz beschieden wird.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Gefühl, die mächtigste Nation der Erde zu sein, hatten sich die Vereinigten Staaten zuerst um den Wiederaufbau . der Industrieländer gekümmert. Allein Deutschland erhielt bis 1951 drei Milliarden Dollar der Marshallplan-Hilfe. Lateinamerika zehrte indessen von den Gewinnen, die es auf dem günstigen Rohstoffmarkt erzielt hatte, und bastelte an einer im Schatten des großen Krieges herangewachsenen Industrie herum.

In den ersten Jahren des Kalten Krieges hielten es die Vereinigten Staaten für selbstverständlich, daß die lateinamerikanischen Republiken, mit ihrem privatwirtschaftlichen Unterbau und ihren engen geschäftlichen und sozialen Verflechtungen zu den kapitalistischen Industrieländern, zur westlichen Hemisphäre zu zählen waren. Doch bald wollten sich die lateinamerikanischen Machthaber ihr Wohlverhalten honorieren lassen. Sie ließen sich nicht länger mit Versprechungen, Plänen und minimaler Hilfe vertrösten.