Von Rolf Zundel

Saarbrücken, im Oktober

Rainer Barzel hatte sich auf seinen Auftritt vor dem Bundesparteitag der CDU in Saarbrücken sorgfältig vorbereitet und seine Rollen perfekt gespielt. Er hat den Delegierten sehr viel von dem geboten, was sie zu erleben hofften: den Mann, der ihnen die Organisationsfragen der Partei knapp und sachlich wie die Gliederung einer – allerdings noch ungeschriebenen – Doktorarbeit vortrug, den versöhnlichen, um Integration bemühten neuen Parteivorsitzenden und vor allem den harten Kämpfer gegen die Bundesregierung, der das Gefühl vermittelte, er marschiere auf dem Weg zum sicheren Erfolg. Er meisterte alle diese Rollen teils mit Geschick, teils mit Bravour – ein politischer Profi von hohem Rang. Nur einen Zweifel konnte er vielen Delegierten nicht ganz nehmen: den an Rainer Barzel.

Einer von ihnen sagte – und er beugte die Schultern wie unter einer unangenehmen Last, die desto schwerer wird, je länger man sie tragen muß: "Ich habe ein ungutes Gefühl bei dieser Wahl." Dieses Unbehagen rührte zu einem Teil daher, daß viele Kohl für den besseren Parteivorsitzenden hielten, diese Ansicht jedoch dem Kanzlerkandidaten Barzel opfern mußten. Manche von ihnen vermerkten mit Unwillen, wie Barzel in seiner ersten großen Rede als Parteivorsitzender zwar alle Register der Rhetorik zog, besinnlich-nachdenklich über das Vermächtnis Konrad Adenauers meditierte, metallisch-hart Fehler und Versäumnisse der Bundesregierung verdammte, aber kaum ein Wort zu den inneren Problemen der Partei fand – fast so, als ob sich diese Probleme mit der Übernahme der Regierungsgewalt von selber lösen würden.

Dies entspricht sicher der mehrheitlichen Meinungen der Partei, die zurück an die Macht in Bonn will und Selbstbesinnung, selbstkritische Bilanz dabei nur als störend empfindet; nach der langwierigen Diskussion um die Führungsfrage hat sie genug davon. Sie will sich nicht mehr mit sich selber, sondern mit dem Gegner beschäftigen. Parteireform – gut und schön; aber der Machtwechsel in Bonn ist ihr wichtiger. Nur daran, ob es Barzel gelingt, die Macht zurückzugewinnen, wird er einmal gemessen werden. Er steht damit in einer Reihe von CDU-Kanzlern, die vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Eignung für den Wahlkampf ausgewählt worden, waren und mit der für Christliche Demokraten charakteristischen brutalen Plötzlichkeit fallengelassen wurden, als sie in dieser Rolle versagten. Sollte Rainer Barzel bei der Wahl scheitern, so hat er, der die CDU wieder zur "Kanzlerpartei" gemacht hat, von dieser Partei keine Milde zu erwarten. Was in Saarbrücken nur als leiser Zweifel anklang, wird dann evidente Tatsache sein, von der alle schon längst gewußt hatten: er war eben doch nicht der richtige Mann.

Christliche Demokraten haben wie Journalisten eine besonders empfindliche Nase für das Aroma der Macht. Kurt Georg Kiesinger und Ludwig Erhard, als sie die Parteitagshalle betraten, blieben fast unbemerkt; kein Mensch drehte sich nach ihnen um. Sie haben einen festen Platz, als Denkmäler altvertraut, aber ohne aktuelle Bedeutung. Als Rainer Barzel eintraf, schon mit einem Kometenschweif von Helfern und Dienstwilligen im Gefolge, war er sogleich von Blitzlichtern umzuckt, von Fragestellern umdrängt, von alten wie von rapide sich vermehrenden neuen Freunden umringt.

Mit der gelassenen Selbstverständlichkeit eines Mannes, der seiner Sache sicher ist, begrüßte er da einen Bekannten, sprach dort freundlich mit einem Gegner und drückte einem Bundesgenossen herzlich die Hand. Ein Flugblatt wurde ihm gereicht, worauf in kapitalen Lettern zu lesen stand: "Delegierte, denkt an 1973. Mit Barzel 40 Prozent, mit Kohl 50 Prozent." Er las es, fast amüsiert, und winkte damit beschwingt in die Umgebung. Barzel war gekommen, die Ernte seiner Arbeit einzufahren, und er wußte, daß sein Acker gut bestellt war.