Zwei Tage vor Weihnachten, am 22. Dezember 1970, verurteilte das Düsseldorfer Schwurgericht den "Techniker Franz Stangl" zu lebenslänglicher Haft, Stangl war von Ende August 1942 bis Anfang August 1943 Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka gewesen. In dieser Zeit wurden dort 300 000 Juden ermordet. Stangl war der einzige Lagerchef, der sich vor deutschen Richtern verantworten mußte. Während er in der Zelle auf die Revision des Urteils wartete, gab er der Engländerin Gitta Sereny seine Lebensgeschichte zu Protokoll – die Geschichte eines Biedermanns. Bald darauf, am 28. Juni 1971, starb er im Alter von 63 Jahren. In seinem Schlußwort hatte Stangl gesagt: "Der Herrgott kennt mich, und mein Gewissen verurteilt mich nicht."

Als Franz Stangl verurteilt wurde, sagte Simon Wiesenthal, Direktor des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, der ihn 1967 in Brasilien gefunden hatte: "Wenn ich in meinem ganzen Leben nichts vollbracht hätte, als diesen Übeltäter der Gerechtigkeit zuzuführen, hätte ich nicht umsonst gelebt."

Es war schwer, den ruhigen, höflichen Menschen, den ich im April im Düsseldorfer Untersuchungsgefängnis traf, mit dieser Äußerung in Einklang zu bringen. "Uns kommt er wie ein ‚Mensch‘ vor", sagte einer der jungen Gefängnisbeamten, der während des Zweiten Weltkrieges noch nicht einmal auf der Welt war. "Wissen Sie, was ich meine? Einfach ein intelligenter Mensch. Vielleicht wird jetzt endlich einer den Mut haben, meiner Generation zu erklären, wie ein Mensch mit Sinn, Herz und Verstand – ich sag’ nicht einmal tun konnte, was in diesen Lagern getan wurde, – aber auch nur bereit sein konnte, dabei zu sein und dann doch weiterzuleben."

Später erzählte ich Stangl, daß ihn die Beamten anscheinend alle gern mochten. "Ich seh’ keinen Grund, ihnen das Leben zu komplizieren", sagte er. "Wenn ich mich anständig zu ihnen benehm’, werden sie sich auch anständig zu mir benehmen. Es ist alles eine Frage der Anpassung." Die Notwendigkeit, sich "anzupassen", scheint Franz Stangl von Jugend an verfolgt zu haben.

Er wurde 1908 in einem kleinen Ort in der Steiermark als Kind einer jungen Mutter und eines bereits ältlichen Vaters geboren. "Als ich zur Welt kam, war er schon Nachtwächter", sagte Stangl. "Aber er konnte an nichts denken und von nichts reden, als von seiner Dragonerzeit. Ich haßte schon als Kleiner alle Uniformen darum. Ich hatte eine Todesangst vor ihm. Ich erinner’ mich an einen kalten Wintertag", erzählte er, "ich war damals vier oder fünf. Ich hatte gerade neue Pantoffel bekommen, wissen’s, diese hohen Filzpantoffeln, die man damals getragen hat – so hellbraun oder beige. Die Leute neben uns übersiedelten. Der Möbelwagen war in aller Frühe gekommen – damals natürlich ein Pferdekutschwerk. Der Kutscher war mit den Möbeln helfen gegangen, und hier stand dieses herrliche Fuhrwerk und niemand drin. Ich bin hinausgerannt durch den tiefen Schnee, mit meinen neuen Pantoffeln natürlich, bin hinaufgekraxelt und saß dann hoch über dem Boden in dem Kutschersitz. Alles, soweit ich sehen konnte, weiß und still. Nur ganz weit weg in dem neuen Schnee war ein schwarzer Fleck, der sich bewegte. Ich hab’ lang’ hingeschaut, aber hab’ net g’wußt, was es war. Und dann plötzlich sah ich, es war der Vater, der nach Haus’ kam. Ich bin so schnell wie ich konnt’ herunter und zurück in die Küche und hab’ mich hinter der Mutter versteckt. Aber er kam fast so schnell wie ich. ‚Wo ist der Bub‘, hat er g’fragt, und ich mußt’ heraus. Er hat mich über die Knie und hat mich versohlt. A paar Tag vorher hatte er sich den Finger verletzt und trug einen Verband. Er hat mich so gehauen, die Wunde ist aufgesprungen und hat wie irrsinnig zu bluten begonnen. Ich hörte die Mutter schreien: ‚Hör auf, du bespritzt mir die ganze Wand mit Blut.’..."

Seine Kindheitserinnerungen, oft von Tränen unterbrochen, zogen sich lange in unserem Gespräch hin. Mit fünfzehn wurde er Weberlehrling. Er war jetzt noch stolz darauf, daß er mit 18 1/2 Jahren der jüngste Webmeister in Österreich wurde. 1931, inzwischen 23 Jahre alt, bewarb er sich um Aufnahme in die Polizei. "In der Weberei war für jemanden ohne höhere Erziehung keine Zukunft. Und die Arbeit war so ungesund ... Ich hatte oft junge Polizisten beobachtet: Die schauten so gesund aus, so sauber und ordentlich in den Uniformen ..."

"Aber Sie haßten doch Uniformen?"