Annen, zwischen Weißen und Farbigen, zwischen Christen und Juden.

2 (bürgerlich liberale Variante): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Und das heißt: man muß es den Armen wie den Reichen verbieten, unter den Brücken zu schlafen. In Paris, wo diese Formulierung als Angriff gegen die bürgerliche Moral geprägt wurde, waren ja die Seine Brücken beliebt als Nachtquartiere für arme Leute.

3 (sozialistische Variante): Alle Menschen sind gleich geboren. Sie müssen daher die gleiche Erziehung haben, die gleichen Erfahrungen machen, die gleichen Rechte, die gleichen Pflichten, die gleichen Freuden, die gleichen Schmerzen, die gleichen Wohnungen, die gleichen Anzüge, die gleichen Mahlzeiten haben, kurz: auf die gleiche Weise leben und auf die gleiche Weise sterben. Der durch Konsequenz korrumpierte Sozialist will nicht ruhen, ehe nicht der Arzt und der Maurer gleich gern auf den Fußballplatz wie in die Oper gehen, ehe nicht Frauen wie Männer gleich gerne aufstehen oder sich gleich gerne ins Bett legen. Womit natürlich nicht behauptet sein soll, daß jedem Maurer der Fußballplatz und jedem Arzt die Oper lieber wäre — von Aufständen und Niederlagen nicht zu reden.

Es ist hier nicht die Rede von Funktionärsklubs, in denen dann doch wieder einige, wie Orwells Schweine, "gleicher sind" als die anderen. Korruption soll also in keinem dieser Fälle als Schimpfwort, als strafrechtlich einklagbarer Tatbestand verstanden werden, sondern als Verderbnis eines Ideen Systems, die dort eintritt, wo nur Gedachtes "ohne Rücksicht auf Verluste zu Ende gedacht wird. Das Unverdorbene scheut die Verluste.

Erziehung, die für alle Kinder taugen will, aus denen erwachsene Menschen werden sollen, darf sich nicht orientieren an korrumpierbaren Ideologien.

Erziehung zur Liebe wird leicht unglaubwürdig in einer Welt des Hassens; Erziehung zur Treue hat etwas Verlogenes, wo die Treulosigkeit herrscht; Erziehung zum Glauben begegnet so viel Skepsis, daß sie oft den Unglauben geradezu provoziert.

So erklärt es sich, daß große Pädagogen von Rousseau bis zu A. S. Neill die positiven Möglichkeiten der Erziehung überhaupt in Abrede gestellt haben: Im Zustand der Unschuld, der Naivität, so etwa wird da argumentiert, ist der Mensch dem wahren Menschsein am nächsten. Und wenn man schon leider nicht verhindern kann, daß er älter wird und damit weniger "unschuldig", so sollte man sich doch hüten, ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken, ihn "prägen" oder "formen" oder eben "er ziehen" zu wollen. Behüten und wachsen lassen, das sei alles, was der ältere Mensch für den jüngeren tun könne. In besonders liebenswerter Form finde ich diese Auffassung Vertreten bei dem 1931 gestorbenen arabischen Dichter Chalil Dschibran. Er schreibt: "Eure Kinder sind nicht euer Besitz. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Ihr könnt ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr könnt ihren Körpern ein Zuhause geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen in dem Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch bemühen zu werden wie sie, aber ihr dürft sie nicht dahin bringen wollen, zu werden wie ihr. Denn das Leben geht nicht rückwärts und hält sich nicht auf beim Gestern "