Vor fünf Jahren noch, als die Bonner Abgeordneten den Entwurf für ein neues Tierschutzgesetz berieten, störten Zwischenrufe wie "Wauwau", den eifrigen CDU-Tierschützer Didi Rollmann. Damals scheiterte die Gesetzesinitiative an der fehlenden Bundeskompetenz. Inzwischen wurde das Grundgesetz ergänzt und dem Bund die Gesetzgebungszuständigkeit für den Tierschutz gegeben. Didi Rollmann und seine aus allen drei Fraktionen stammenden Freunde, die sich der Sache des Tieres annahmen, haben jetzt freie Bahn. Sie bestritten in der letzten Woche nun die erste Lesung des neuen Tierschutzgesetzes.

Im Bundestag herrschte ein ungewohntes Bild: Die Abgeordneten von rechts bis links waren sich einig, kein Zwischenruf störte die holde Eintracht. Minister Ertl (FDP), der das Gesetz begründete, erntete von allen Seiten Lob. Es besteht bei den Abgeordneten die Absicht, das Gesetz noch in dieser Legislaturperiode zu verabschieden, womit die sozialliberale Regierung dann eines ihrer "wichtigen Reformvorhaben mit Hilfe der Opposition verabschieden könnte.

Das Gesetz soll Schrittmacher sein für eine europäische Tierschutzkonvention. Es soll das Tier um seiner selbst willen schützen, es vor Schmerzen, Leiden oder Schäden bewahren und darüber hinaus sein Leben schlechthin schützen. Eine solche Konzeption, so erklärte ein hoher Beamter aus Ertls Ministerium, stehe nicht im Widerspruch zu der "berechtigten Lebensbeschränkung des Tieres im Rahmen des Erhaltensinteresses des Menschen". Dies bedeutet wohl: Wir dürfen getrost weiter uns piesackenden Mücken den Garaus machen.

Seitdem die Frage des Tierschutzes diskutiert wird, tobt zwischen den Tierschutzvereinen (in der Bundesrepublik gibt es 566 Vereine mit 425 000 Mitgliedern) und den Hundeverbänden ein erbitterter Kampf. Es geht dabei um die Frage, dürfen Hundeschwänze kupiert werden oder nicht. Didi Rollmann: "Unsere Meinung ist, daß wir jedes modisch bedingte Kupieren in dem neuen Gesetz untersagen, jedes gesundheitlich gebotene Kupieren gestatten sollten."

Mit anderen Worten: Boxerwelpen werden – wenn das Gesetz rechtskräftig geworden ist – nicht mehr am Ohr oder am Schwanz amputiert werden dürfen. Wir werden uns an Boxer mit langen Schwänzen und Schlappohren gewöhnen müssen. Dagegen wird das Kürzen von Ferkelschwänzen erlaubt sein. Denn die Schweinemäster argumentieren, daß sich die Ferkel in den engen Ställen gegenseitig die Schwänze abknabbern, was schließlich zu umsatzschädlichen Verletzungen führe.

Auch Jagdhunde werden den Ferkeln gleichgestellt. Das Gesetz sieht vor, daß "das Kürzen der Rute" bei unter acht Tage alten Welpen erlaubt ist, "wenn diese Hunde nach den Grundsätzen waidgerechter Jagdausübung bei der Jagd verwendet werden". Die Jäger begründen diese Ausnahmeregelung: Der nicht kupierte Hund wedele voller Jagdlust so aufgeregt mit dem Schwanz, daß das Wild auf das Tier aufmerksam würde und die ganze Jagd verdorben sei. Es gehört nicht viel dazu, vorauszusagen, daß wir einen Boom an neuen Jagdhunderassen erleben werden, damit das modische Kupieren eine jagdliche Begründung erhält.

In Zukunft sollen es die Massentierhalter, die beispielsweise Hühner in Hochhäusern zusammenpferchen und sie zu automatischen maschinell gesteuerten Eierlegern degradieren, nicht mehr so leicht haben. Nach dem Gesetz darf der "seelischimmateriellen Form des Leidens eines Tieres, wie sie sich vor allem in einer Unterdrückung der dem Tier angeborenen lebensnotwendigen Verhaltensweisen (Bewegungsbedürfnis) äußert", entgegengetreten werden. In Zukunft darf also jedes Huhn und jedes Wienerwald-Hähnchen, wenn schon nicht auf einem eigenen Misthaufen, so doch wenigstens, auf ein Plätzchen zum Scharren hoffen. v. K.