Was vorher nur zu vermuten war, scheinen die Beobachtungen in Wiesbaden auf demGewerkschaftstag der IG Metall zu bestätigen: Otto Brenner, seit 15 Jahren an der Spitze der größten und mächtigsten Gewerkschaft der freien Welt, hat für dieses Amt nicht zuletzt deshalb wieder kandidiert, um den ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler in der Bundesrepublik zu unterstützen. Er will nach links abschirmen und der sozialliberalen Koalition zu einem Erfolg verhelfen.

Brenner möchte wohl auch dazu beitragen, daß die Sozialdemokraten bei der nächsten Bundestagswahl 1973 eine tragfähige Mehrheit erringen. Eine Mehrheit, die es ihnen erlaubt, jene Gesellschaftsreformen in Angriff zu nehmen, die sie in dieser Legislaturperiode aus Rücksicht auf den Koalitionspartner zurückstellen mußten.

Für Otto Brenner ist dabei die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der Wirtschaft der Angelpunkt aller Gesellschaftsreformen. Und den Namen Mitbestimmung verdient nach seinen Worten nur jene Form, bei der Kapitaleigner und Arbeitnehmer paritätisch, also gleichberechtigt mitwirken.

So war es mehr als nur Höflichkeit, daß Bundeskanzler Willy Brandt und Herbert Wehner nach Wiesbaden gekommen waren. Es war die Bekundung eines Bündnisses, das jetzt – schon wenige Tage später – vor seiner ersten Bewährungsprobe steht.

Die Spitzenpolitiker der CDU muß wohl ihr politisches Fingerspitzengefühl verlassen haben, als sie demgegenüber nur einen Politiker der zweiten oder dritten Garnitur nach Wiesbaden entsandten. Weshalb haben die FDP-Politiker Genscher und Mischnick nicht den Weg in die hessische Hauptstadt gefunden, wenn der Parteivorsitzende Scheel in New York seinen Pflichten als Außenminister nachkommen mußte? Halten diese Parteien es für überflüssig, um die in den Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer zu werben? Schließlich hat sich die DKP die Gewerkschaften als ihr wichtigstes Aktionsfeld erkoren. Und diesem Vorstoß gilt es, ein Gegengewicht demokratischer Kräfte entgegenzusetzen.

Für diesmal hat Otto Brenner es geschafft, die Opposition von links, repräsentiert von etwa einem Drittel der Delegierten (keineswegs alles Kommunisten) in die Schranken zu weisen. Es gelang ihm, das Gewerkschaftsschiff mit fester Hand auf jenen Kurs zu bringen, der ihm richtig erscheint,

Geht man die Ergebnisse des Gewerkschaftstages durch, so ergeben sich fünf Schwerpunkte für die künftige Entwicklung: