Ganz ohne Ironie behauptete Präsident Thieu nach seiner Wiederwahl, sein Sieg sei ein "Baustein" zur Demokratie in Südvietnam. Verräterisch genug, diese Einschränkung: Das Bürgerkriegsland Südvietnam ist also auch nach Meinung seines starken Mannes noch weit entfernt davon, eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu sein. Aber waren es nicht demokratische Freiheiten, für die in Vietnam in den letzten zehn Jahren 50 000 Amerikaner ihr Leben ließen?

Das Wahlresultat sieht so gut aus, daß es peinlich ist: 87,7 Prozent Wahlbeteiligung, 91,51 Prozent aller Stimmen für den Alleinkandidaten Thieu (99,8 Prozent im Mekong-Delta, wo Thieus Vetter Provinzchef ist). Solche Zahlen erinnern an die besten Tage des Präsidenten und Diktators Diem. Freilich hatte Diem sich nie auf solch gigantische Militär- und Wirtschaftshilfe stützen können, wie sie die Vereinigten Staaten seinem einstigen Schützling Thieu noch immer zukommen lassen.

Thieu, einst Absolvent der Militärakademie in Fort Bliss und Leavenworth, war immer der Mann Washingtons. Aber neuerdings hat Nixon, wie einst Dulles, Grund genug, über die "Tyrannei der Schwachen im Bündnis" zu seufzen. Thieu trat in die Fußstapfen des großen Diem – er durchkreuzte die ausgeklügelten Pläne des US-Botschafters Bunker, der am Ende seiner Amtszeit gern eine mustergültige Demokratie in Saigon vorgezeigt hätte. Ein weniger dick aufgetragener Wahlsieg wäre den Amerikanern lieber gewesen. Trotz ihres guten Zuredens ließen sich weder der phlegmatische General Minh noch der quecksilbrige Luftmarschall Ky als bloße Zählkandidaten mißbrauchen, die das Ergebnis für Thieu zwar verschlechtert, aber nach außen verschönert hätten.

Gesiegt hätte Thieu so oder so. Ihm wird nachgesagt, er sei noch nie in eine Schlacht gezogen, wenn der Erfolg nicht von vornherein garantiert war (beim Putsch gegen Diem führte er seine Truppen erst ins Treffen, als die Entscheidung schon gefallen war). Wer Armee und Staatsapparat beherrscht, braucht sich in jenen Landstrichen Asiens nicht um den Ausgang einer Wahl zu sorgen. Die Truppen stimmten geschlossen ab – das gab schon etwa zwanzig Prozent der Stimmen und 1,5 Millionen Staatsdiener gaben nochmals 26 Prozent. Die Bauern auf dem Lande trotteten wie noch bei jeder Wahl gehorsam zur Wahlurne. Wer möchte schon dem Dorfältesten als Nichtwähler auffallen oder womöglich als Vietcong verdächtigt werden.

In den Städten sahen die Ergebnisse für Thieu bei weitem nicht so rosig aus. Hier hatten in den Wochen vor der Wahl allerlei Oppositionsgruppen, nichtkommunistische oder auch von der NLF gesteuerte, Straßenkrawalle angezettelt, vor allem wohl, um Schlagzeilen in der internationalen Presse zu ergattern. Auch das Parlament ist keineswegs, einmütig auf Thieu eingeschworen. Die Wahlmanipulationen des Präsidenten haben ihm unter den Politikern eine Reihe neuer Gegner eingetragen, die ihm noch manches zu schaffen machen werden. Sein Rivale und ehemaliger Parteigenosse Ky – alles andere als ein Edeldemokrat – durfte sogar ungehindert Putschgerüchte ausstreuen.

In Saigon werden schon Wetten geschlossen, ob Thieu auch die nächsten vier Amtsjahre durchstehen wird. Solange Nixon die Hand über ihn hält und solange sich die NLF, um ihre Kräfte für die Zeit nach dem Abzug der Amerikaner zu sparen, militärisch auf gelegentliche Nadelstiche beschränkt, kann er unbekümmert sein. Wie lange Thieu noch regieren darf, darüber werden nicht zuletzt jene entscheiden, die gar nicht wählen durften – die Vietcong. Und sie vertrauen, wie ihr Lehrmeister Mao, noch allzeit auf die Läufe ihrer Gewehre. K. H. J.