Von Rudolf Freund

Professor Wolf Häfele, 44, wollte in seinem Forschungsbereich noch selbständiger werden. Der einflußreiche Leiter des Atomreaktor-Entwicklungsprojektes "Natriumgekühlter Schneller Brüter" am Kernforschungszentrum Karlsruhe bestellte deshalb ein kompliziertes Röhrensystem. Mit ihm sollten neuartige Reaktorbrennelemente unter Betriebsbedingungen in einem Atommeiler bestrahlt werden.

Die Arbeiten an dem "Loop" – so nennen die Wissenschaftler derartige Kühlkanülen für Wasser oder auch flüssiges Metall wie Natrium – gingen zügig voran, die Herstellerfirma hielt die Kostenkalkulation ein und lieferte zudem pünktlich. Im September sollte dann das Röhrenwerk planmäßig in den turnusgerecht stillgelegten "Mehrzweck-Forschungsreaktor" auf dem Karlsruher Versuchsgelände eingebaut werden.

Doch bei den Übergabefeierlichkeiten stand für Häfele und seine Mitarbeiter längst fest, daß der Loop zumindest vorerst keinen Platz im Atomofen finden würde: Die zu testenden Brennelemente waren erst gar nicht bestellt worden. Der Professor zu seinen Kollegen: "Unsere Stoßrichtung hat sich verändert."

Jetzt sinnen die Gelehrten am Karlsruher Kernforschungszentrum nach einem neuen Verwendungszweck für das teure Röhrensystem, das in drei Jahren Bauzeit gut zehn Millionen Mark verschlang. Freilich sinnen sie mit einiger Erfahrung: Bereits vor zwei Jahren zerbrachen sich die Atomforscher die Köpfe, was sie mit einer überflüssigen zweiten Kältemaschine anfangen sollten; das unnütze Kühlaggregat – Kaufpreis zweieinhalb Millionen Mark – fand bis heute keinen adäquaten Verwendungszweck.

Um der unbenutzten Kältemaschine nicht auch noch ein unbrauchbares Röhrensystem zur Seite zu stellen, schrieb der technische Geschäftsführer Dr. August Eitz, 37, ein Memorandum und forderte Gutachten an. Bis zur Aufsichtsratssitzung des Kernforschungszentrums Ende November soll das brain storming ergeben haben, was mit dem Loop geschehen soll.

Einige kritische Zentrumsmitarbeiter glauben indes, derlei tiefschürfende Geistesübungen wären bereits vor drei oder vier Jahren nötig gewesen – und hätten die jetzige Denkarbeit vielleicht überflüssig gemacht.