Von Hans Otto Eglau

Es fielen harte Worte: "Tummelfeld ruinöser Wettbewerbsverzerrungen", "zerrütteter Markt" und "Schleuderpreise". Dann verkündete die Geschäftsführung der größten deutschen Obst-und Gemüsekonserven-Firma, der Veko in Braunschweig, ihren soeben gefaßten Beschluß, von ihren acht Werken vier zu schließen. 523 Beschäftigte werden ihren Arbeitsplatz verlieren.

Die Betriebsschließungen der Veko – eine Abkürzung für "Vereinigte Konservenfabriken" – wirft ein grelles Licht auf einen Markt, auf dem seit einigen Jahren ein erbitterter Konkurrenzkampf tobt. Beschäftigten sich 1962 noch 194 Betriebe mit der Herstellung von Obst- und Gemüsekonserven, so waren es 1969 nur noch 134 und Mitte des Jahres noch knapp 100. Von einigen Firmen ist bekannt, daß ihre Besitzer sie lieber heute als morgen verkaufen würden, wenn sie noch einen Käufer fänden.

Theoretisch müßte es der Branche gut gehen, denn die Deutschen verbrauchen in jedem Jahr mehr Gemüsekonserven. Allein im Wirtschaftsjahr 1969/70 stieg der Konsum um 17 Prozent, ein Jahr zuvor sogar um fast 23 Prozent. Daß die Konservenindustrie trotzdem von Untergangsstimmung befallen ist, liegt an dem Strom billiger Importware, der sich seit einiger Zeit vor allem aus Frankreich auf den deutschen Markt ergießt. Stammten 1967/68 erst 45,5 Prozent aller in der Bundesrepublik abgesetzten Obst- und Gemüsekonserven aus dem Ausland, so sind es zur Zeit etwa zwei Drittel. "Früher kauften wir das meiste in Deutschland und deckten nur die Spitzen im Ausland ab, heute ist es genau umgekehrt", berichtet Günter von Ciriacy, Branchenexperte der Kölner Firma Gedelfi, der Einkaufsgesellschaft der deutschen Lebensmittel-Filialunternehmen.

Noch vor wenigen Jahren schützten Hochzölle bis zu 30 Prozent sowie knapp gehaltene Kontingente die deutschen Fabrikanten vor einer Schwemme billiger Ware aus dem Ausland. Doch als im Juli 1968 die Zollschranken innerhalb der EWG hochgingen, zeigten sich viele Produzenten gegenüber den mit Vehemenz auf den deutschen Markt drängenden Ausländern schlecht gerüstet.

Auf den Tag X hatten sich vor allem französische Hersteller sorgfältig vorbereitet. Mit dem Blick auf die neuen Exportchancen waren sie in den Jahren zuvor mit dem Ausbau ihrer Kapazitäten nicht gerade zurückhaltend gewesen. Schon vor dem Start ihrer Exportoffensive durften sie sich bereitwilliger Unterstützung des Staates erfreuen. Bei der Errichtung neuer Fabriken konnten sie zum Teil 80 Prozent ihrer Investitionen mit öffentlichen Krediten finanzieren. Als Verkaufspromoter in der Bundesrepublik nahm sich ihrer die französische Agrarförderungs-Gesellschaft Sopexa an, die von Düsseldorf aus heimischen Exporteuren den Weg zu deutschen Abnehmern bahnte. Die deutschen Produzenten und der "Bundesverband der Deutschen Obst- und Gemüseverwertungsindustrie" argwöhnen seit langem, daß die Sopexa französischen Konservenproduzenten nicht nur mit guten Ratschlägen, sondern auch mit erheblichen Werbezuschüssen zur Seite steht. Aber einen schlüssigen Beweis für eine solche nach dem EWG-Vertrag unzulässige Praxis konnten sie bislang nicht erbringen.

Konnten die deutschen Fabrikanten anfangs mit ihren Preisen noch einigermaßen mithalten, so brachte sie die Veränderung, der Währungsparitäten in eine nahezu aussichtslose Lage. Die Aufwertung der DM im Jahre 1969, die varangegangene Abwertung des französischen Franc sowie die Freigabe des DM-Wechselkurses im Mai dieses Jahres verschafften den Franzosen einen Preisvorteil von rund 29 Prozent. Nach Mitteilung der Veko ging die deutsche Industrie 1971 mit Beständen in das neue Wirtschaftsjahr, die 45 Prozent der Vorjahresproduktion ausmachen.