Vielleicht dachte Charlie Rivel, als ihm das Licht in der Deutschlandhalle in Berlin die Wirklichkeit unbarmherzig enthüllte, selber, es sei nun Zeit, Abschied zu nehmen – er von seinem Publikum, sein Publikum von ihm. Aber dessen Abschied gälte wohl nicht nur ihm, den Herrn Rivel, der noch Anfang des Jahres in München einen scheinbar verheißungsvollen Comeback Triumph erlebt hatte, sondern gleich dem ganzen Typus des klassischen Zirkus, den er darstellt, dem Clown im allgemeinen.

Es war ein trauriger Abend, obwohl lustige Tränen rannen und Gelächter laut die Halle füllte, nur: die schon halbierte Halle war fast leer. Wo sonst Tausende Platz haben, saßen ein paar hundert, von einer Lautsprecherstimme drei Minuten vor Beginn nach vorn gewirbelt: "Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie die Plätze vorn an der Bühne ein, ohne Rücksicht auf Ihre Eintrittskarten."

Also war es nicht so dahergeredet, was ich auf der Hinfahrt von einem Irgendwer-Berliner gehört hatte: den "ollen Riwwel" habe er gesehen, aber der habe ja auf seine alten Tage "nich mehr ville ßu bieten". Er fand das alles langatmig, lahm und langweilig.

Das ist klar gesagt: Es passiert den Leuten zu wenig. Die Lautlosigkeit gemächlicher pantomimischer Ereignisse wird als Ereignislosigkeit mißdeutet. Oder so: aus einer Volkskunst, die in den zwanziger Jahren einmal große Häuser spielend gefüllt hatte, ist ein sensibler Spaß für ein paar empfindsame Intellektuelle geworden, fast so ein Minderheitenspaß wie ein Streichquartettabend.

Charlie Rivel, von seinem mittleren Sohn Juanito komplettiert, trat auf einem halbrunden, bauchhohen Podest auf: nicht in einer runden Manege, rundum vom Publikum eingeschlossen, das auf ihn hinab sieht, sondern auf einer Bühne, zu der die Leute, aufschauen müssen – für solche zirzensischen Kammerübungen ist so etwas nicht einerlei. Eingeführt von einem keineswegs originellen, erst recht nicht atemlos machenden Variete-Programm, zeigte der Clown sein altes, gleichwohl faszinierendes Repertoire. Wenigstens ließen die drei Rivel-Söhne, Charivels genannt, etwas von der Redlichkeit der alten, ehrbaren Zunft ahnen, denn sie konnten "alles": Geige, Klarinette, Gitarre, Banjo, Orgel spielen, turnen, singen, Pirouetten drehen und steppen – Akrobaten.

Nur Clowns sind sie nicht und wollen es nicht sein. Charlie Rivel bleibt der letzte. In Berlin, wo sein Ruhm mit dem akustischen Signet "Akrobat schööön" begonnen hatte, bricht er nun auf zu seiner Abschiedstournee. Manfred Sack