Berlins Wirtschaftssenator Karl König sieht Land. Wenige Tage nach Unterzeichnung des Rahmenabkommens der vier Mächte zeichnet sich erstmals ein konkreter Ansatzpunkt für die oft beschworene Rolle Berlins als "Drehscheibe" ab. Sowjetisches Rohöl will König für Berlin einkaufen und dort in einem Großprojekt raffinieren lassen. Das Geschäft soll so groß angelegt werden, daß nicht nur Berlins Bedarf gedeckt, sondern auch Westdeutschland beliefert werden könnte.

Königs erst zögernde, dann jedoch Gewinn witternde Verbündete: die BP (Benzin und Petroleum AG), die Deutsche Shell AG, die ENI-Agip (Italien), die Esso AG, die Gelsenberg Mineralöl GmbH, die Mobiloil AG und Veba Chemie AG – somit rund 80 Prozent der Westberliner Anbieter. "Wir wollen energiepolitisch nicht mehr von der Hand in den Mund leben", motivierte König seine Initiative den umworbenen Firmen.

Ein von ihm beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestelltes Gutachten gibt ihm recht: Danach wird der Energiebedarf Westberlins 1980 bei etwa 9,4 (1970: 6,3) Millionen Tonnen SKE (Steinkohleeinheiten) liegen. 77,2 (1970: 45) Prozent davon sollen auf Mineralölbasis erzeugt werden.

König glaubt, daß die UdSSR trotz ihres sprunghaft wachsenden eigenen Bedarfs lieferbereit ist. Durch die Pipeline "Freundschaft" könnte das "schwarze Gold" über die DDR-Stadt Schwedt (Oder) nach Westberlin gepumpt werden. Allerdings, so König, sind langfristige feste Liefergarantien der Russen erforderlich. Zudem muß die Qualität des sowjetischen Rohöls für eine wirtschaftliche Veredelung in Westberlin ausreichen.

Statt mit Geld will Berlins Senat mit Know-how zahlen. Berliner Techniker, Ingenieure und Wirtschaftsfachleute sollen als Entgelt Entwicklungspläne für Regionen der UdSSR oder für konkrete Projekte und Kombinate erstellen.

Entsprechend der DIW-Prognose ist ein jährlicher Durchsatz von fünf Millionen Tonnen optimal. Der Investitionsaufwand für die beteiligten Mineralölgesellschaften läge damit bei rund 500 Millionen Mark. Ein Viertel dieser Summe würden die Ölfirmen – entsprechend dem Berlin-Förderungsgesetz – als Investitionsbeihilfe erhalten.

"Absolute Wirtschaftlichkeit" ist nach König die Voraussetzung für das Vorhaben. "Sonst wird die Raffinerie nicht gebaut." Darüber freilich sind sich die Beteiligten noch nicht einig. Der Plan ging daher zunächst einmal den Weg aller bisher in Berlin kreierten Zukunftsvisionen: In "Arbeitsgruppen" wollen Firmen und Senat "die noch bestehenden Unklarheiten" klären. hs