München

Kaum ist Bayerns Nationalfete, das Münchner Oktoberfest, zu Ende, beginnen schon die Sorgen um den Wies’n-Bierpreis im nächsten Jahr. Diesmal hatten es viele Bajuwaren, vor allem aus der Umgebung der Landeshauptstadt, den Schaustellern und Wirten des "größten Volksfestes der Welt" heimgezahlt: Aus Protest gegen die hohen Preise blieben sie zu Hause und spülten ihren Grant mit Flaschenbier hinunter. Die Unternehmer, denen die Wies’n alljährlich fette Einnahmen verschafft, ließen sich freilich von der zurückgegangenen Besucherzahl nicht beeindrucken; denn diejenigen, die trotz des Aufrufs zum Konsumverzicht kamen, zeigten sich ausgabefreudiger denn je.

Zur Eröffnung des Festes hatte es eine Überraschung gegeben: Oberbürgermeister Vogel versagte beim Anzapf-Zeremoniell. Er schlug den Hahn nicht fest genug ins Faß, und das kostbare Naß begoß ihn und die Umstehenden. Die Schlagfertigkeit verließ den Vogel Hansi, wie er in Bayern besonders zur Wies’nzeit gern genannt wird, dennoch nicht. Den Hörern des Bayerischen Rundfunks, die das Anzapfen direkt mitverfolgten, pries er seinen Fehlschlag sogleich als Abwechslung an. Er habe bisher beim Anzapfen nie einen Tropfen verspritzt; das sei ihm langweilig geworden, und so habe er es mal anders gemacht. Immerhin lieferte Vogel durch seine mangelhafte Schlag- und Treffsicherheit Spekulationsstoff um seine politische Zukunft, der nun die Phantasie furchtsamer Seelen und die seiner Gegner immer kühnere Vermutungen anstellen läßt: Wer beim Anzapfen versagt, so heißt es in der weißblauen Metropole, den wird das Glück verlassen.

Das Oktoberfest, von einigen auch das Woodstock der braven Bürger genannt, ist ein Politikum ertsen Ranges. Dies bewies nicht zuletzt eine Resolution der Münchner FDP, in der die Kinderfeindlichkeit des Volksfestes angeprangert und fürs nächste Jahr eine scharfe Preiskontrolle gefordert wird. Den Unternehmen, deren Preise unangemessen hoch seien, solle die Stadt keine Ausstellungskonzession mehr erteilen. Und in Solidarität mit einem Großteil der Bevölkerung resümierten die Freidemokraten: "Der Nepp auf dem Oktoberfest 1971 war unerträglich."

L. M.