Jiří Kolář wurde durch seine dem lesenden wie dem anblickenden Auge zugedachten Texte in der Zeit des tschechischen "Tauwetters" weithin bekannt. Man schätzte ihn bereits als Graphiker und Maler; seither ist er – das Nachwort von Konrad Balder Schäuffelen zu dem Band "Das sprechende Bild – Poeme-Collagen-Poeme", (Bibliothek Suhrkamp 288, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 158 S., 8,80 Mark) teilt es mit – vom Schreiben ganz zu den Collagen übergegangen, in denen sich immerhin in Form zerschnittener oder zerrissener bedruckter Papiere noch Schrift findet. Die Verbindung von zeitbezogenem Humor mit dem in der Tschechoslowakei so lebendig weiterwirkenden Surrealismus ist höchst originell. Es finden sich etliche sogenannte "Gebrauchsanweisungen" unter den Gedichten. In der ersten wird ein Rezept gegeben, zu dem unter anderem durcheinander gemischt werden sollen! "Die Alkoholtropfen, die von den Lippen des Opfers eines Justizmordes abgewischt wurden...", ferner: "Dornen, Knoten, Knuten, Essig und Silbermünzen".

Das Gedicht "Suppe für Hungrige" ist so gesetzt, daß zwischen den Zeilen Raum für einen Teller bleibt. Die graphisch gestalteten wie die "Bildgedichte" lassensich schwer schildern. Da sind etwa Schmetterlinge, auf deren Flügeln kleine Ausschnitte aus italienischen Fresken zu erkennen sind. Jiří Kolář knüpft an spezifische, auch politische Erfahrungen an und gelangt dennoch – und keineswegs durch Abstraktion – zu einer universal modernen Sprache. Ich kann nicht mit dem Original vergleichen, doch scheint mir die Übersetzung von Schäuffelen und Tamara Kafkova hervorragend. François Bondy