Leo Brawand: Wohin steuert die deutsche Wirtschaft? Verlag Kurt Desch, 272 Seiten, 26,– Mark.

Wohin steuert unsere Wirtschaft? Gewiß, eine Frage, die heute nicht nur Politiker, Konjunkturforscher und Politiker interessiert, sondern mehr denn je den durch Preissteigerungen und widersprüchliche Prognosen recht verunsicherten kleinen Mann.

Leo Brawand, Spiegel- Journalist der ersten Stunde, heute geschäftsführender Redakteur im Ressort Wirtschaft des Hamburger Magazins, versucht, an Hand von zwölf Interviews mit Politikern, Unternehmern, Managern und Gewerkschaftern, dem anspruchsvollen Titel des Buches gerecht zu werden. Rede und Antwort standen ihm Berthold Beitz, Karl Blessing, Otto Brenner, Eberhard Günther, Ernst Wolf Mommsen, Josef Neckermann, Ludwig Poullain, Philip Rosenthal, Karl Schiller, Willy H. Schlieker und Otto Wolff von Amerongen. Gleichzeitig veröffentlicht der Autor ein bisher ungedrucktes Spiegel-Interview mit dem 1968 gestorbenen VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff. Nur am Rande: Der Leser hätte es sicher begrüßt, den genauen Zeitpunkt der Interviews zu erfahren, um die Ausführungen im Zusammenhang mit der konkreten Situation zu werten.

Leo Brawand kam als Interviewer zweifellos die Erfahrung einer 25jährigen Tätigkeit zugute, während der er über 100 Spiegel-Gespräche führte. Er hat – und das wirkt äußerst belebend – nicht nur "abgefragt", sondern dezidierte Meinungen vorgetragen und damit echte Diskussionen provoziert. Der Journalist, dessen Handschrift man von der ersten bis zur letzten Seite des Buches spürt, hat es sich nicht entgehen lassen, manchmal ein wenig zu lange den Blick auf zurückliegende Ereignisse im Leben seiner Gesprächspartner gerichtet zu halten. Was der Leser über das menschliche Verhältnis von Berthold Beitz zu Alfried Krupp, über die Hintergründe des Schlieker-Konkurses und die Querelen des Versandhändlers Neckermann mit dem konservativen Einzelhandel erfährt, ist – sofern noch nicht bekannt – interessant; doch die auf dem Umschlag angekündigten "Analysen und Prognosen" kommen dabei leider ein wenig zu kurz.

Überhaupt scheint die Auswahl der Interview-Partner ein bißchen zu sehr unter dem Gesichtspunkt der klingendsten Namen vorgenommen zu sein. Vielleicht hätte es dem Buche nicht schlecht getan, wenn statt des einen oder anderen Wirtschaftlers einer der aktiven Bosse der führenden Industriebranchen wie Chemie, Stahl, Automobilbau und Elektro zu Wort gekommen wären, auch wenn ihr Name nicht so sehr in aller Munde ist wie beispielsweise der eines Schlieker.

Besonders lesenswert ist übrigens das Interview mit Karl Blessing, in dem dieser kurz vor seinem Tode mit der Freimut des pensionierten Rückbetrachten noch einmal das hinter den politischen und diplomatischen Kulissen ausgetragene Tauziehen um die unterbliebene Aufwertung Ende 1968/Anfang 1969 schildert und mit klarem Blick das Dilemma der mit einem umfangreichen Reformprogramm angetretenen, aber aus konjunkturpolitischen Gründen zum Maßhalten verpflichteten sozialliberalen Koalition vorhersagt.

So kurzweilig die Lektüre des Buches ist, so wenig können die Interviews mit ihrer Fülle von Einzelinformationen die Frage nach der Zukunft unserer Wirtschaft beantworten. Dazu wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, den Fragenkatalog etwas stärker einzugrenzen. So muß Brawand mit wohltemperierter Kritik an der "sozialen Marktwirtschaft" in einem Nachwort selbst den Propheten spielen.

Einige seiner Thesen: Die westdeutschen Mieten werden bis 1976 etwa um 50 Prozent steigen und sich bis 1981 insgesamt verdoppeln. Die paritätische Mitbestimmung in allen Großunternehmen wird kommen, so sicher wie die Vierzigstundenwoche gekommen ist. 1974 gibt es in Bonn ein Ministerium für Umwel schutz. Das klassenlose Krankenhaus wird sich nicht so bald durchsetzen. Sozialversicherte werden ab 1. Januar 1973, spätestens aber ab Januar 1974 schon im Alter von 63 Jahren auf Wunsch Pension beziehen können. Arbeitslose wird es unter der SPD-geführten Regierung in nennenswertem Umfang nicht geben, aber: Der Preisanstieg pro Jahr wird künftig zwischen zwei und sechs Prozent pendeln. Hans Otto Eglau