Von Umweltverschmutzung wollen sie nichts hören / Von Hans-Joachim Noack

Fährt man bei Lorsch von der Frankfurt-Mannheimer Autobahn und orientiert sich in Richtung Rhein, hat es den Anschein, als wüchse der Meiler geradewegs aus den Feldern empor – aus den Äckern mit den Zuckerrüben und den mannshohen Maisstauden, aus den Wiesen; auf denen sparsam der Herbstklee steht.

Auf den ersten Blick mutet Europas größter Atomgigant als Mißverständnis an, ein Schildbürgerstreich aus dem Atomzeitalter. Der Traktor und der Reaktor, sie stehen hier, in der Gemarkung der südhessischen Ortschaft Biblis, so nahe beieinander, daß der Photograph um ein Motiv nicht bemüht sein muß. Jahrhunderte scheinen sich hier zu begegnen. In Biblis muß kein Kunstgriff herhalten, symbolträchtige Kontraste deutlich zu machen.

Es ist kein peinlicher Konstruktionsfehler, daß sich neben den Kuhweiden der Kernspalter etabliert. Im Gegenteil: Die Erbauer von Atomreaktoren gehen auf die Dörfer. "Der revolutionäre technische Fortschritt", bemerkt Europas potentester Stromlieferant, die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerks-AG (RWE), in diesem Zusammenhang, "bekommt seine alltäglichen, menschlichen Züge.Das neue Werk, die neue Energie gehören dazu wie die Kirche, die Schule und die Zweigstelle der örtlichen Sparkasse."

Die Bibliser sind biedere und verläßliche Interpreten solcher Vorstellungen, die die PR-Männer von RWE in aufwendigen Werbeprospekten für die Welt von morgen entwickelt haben. Die wichtigsten Männer der Gemeinde stehen sich gut mit den Herren des Essener Unternehmens, das immerhin rund eine dreiviertel Milliarde in den supermodernen Stromproduzenten investieren wird. Eine Summe, für die fortgeschrittene Bürger vielleicht gar ihre Kirche aus dem Dorf geschleppt hätten, wäre eine derartige Maßnahme vonnöten gewesen. Aber da die RWE, wie gesagt, das Äußerste ja nicht verlangte, ist die Welt der zu neunzig Prozent katholischen Ortschaft nie wirklich in Unordnung geraten, und also hat auch der Atomkoloß seinen Segen erhalten. Wie man weiß, etwa von Dorfpfarrer Erich Low, der bereits in den Jahren, in denen über das geplante Kraftwerk noch diskutiert wurde, unter der Bevölkerung "Furchtlosigkeit" feststellte – eine Zuversicht, die sich nach seiner Ansicht nur aus "fundierter Gläubigkeit" wie der Tatsache erklären lassen konnte, daß "der Mensch zu sich kommt".

Das muß wohl zutreffend sein, wenngleich die Bibliser Bauern nicht weniger in Gottesfurcht gelebt, haben mögen, als sie sich zu Zeiten, in denen die erste Eisenbahnstrecke – noch lange vor der Jahrhundertwende – angelegt wurde, in Gruppen zusammenrotteten, um gegen die prustenden "Dampffresser" anzugehen. Denn sie fürchteten, daß ihr Klima in der oberrheinischen Tiefebene nachteilig beeinflußt werden könnte. Bibliser Bürgermeister Josef Seib hat die Informationen darüber praktisch aus erster Hand. Seine’ Großmutter berichtete ihm von der Meuterei auf den Gleisen, als er selbst noch ein kleiner Junge war. Damals bestaunte er die zupackende Art seiner Vorväter, heute ist der 51jährige sehr zufrieden darüber, daß sich die Einwohner bei den Atomplänen, die, wie er meint, von ähnlich bahnbrechender Bedeutung sind, "so vernünftig verhalten haben".

Nein, der "Büjemääster" kann sich nicht beklagen. Ohne die zumindest in gelassener Neutralität verharrende schweigende Mehrheit seiner Dörfler hätte der ehemalige Verwaltungsbeamte seine ehrgeizigen Pläne kaum verwirklichen können, die Ortschaft zwischen Rhein und Bergstraße aus einer Mittelmäßigkeit zu erlösen, über die im "Hessen-Lexikon" nur wenige Zeilen zu finden sind: