Gehlens Memoiren: Bärendienst für den BND

Von Theo Sommer

Zum zweitenmal in diesem Jahr grast die Publizistik auf der Weide des Bundesnachrichtendienstes. Das erstemal waren es die Spiegel-Autoren Hermann Zolling und Heinz. Höhne, die den Pullacher Apparat ins Gerede brachten. Jetzt ist es der geheimnisumwitterte Gründer des Dienstes selbst: der General und BND-Präsident a. D. Reinhard Gehlen, der den Dienst mit seinen Memoiren in die öffentliche Diskussion gezerrt hat.

Nicht, daß die Diskussion über den Bundesnachrichtendienst schlechthin vom Übel sei; nur Leute mit getrübtem Demokratieverständnis werden dies behaupten wollen. Im Gegenteil: Allzu lange war der BND jeglicher öffentlicher Debatte und Durchleuchtung entzogen. In der Einkrümmung auf sich selbst schien er drauf und dran, die Tuchfühlung mit der staatlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit zu verlieren. All jene, die der Ansicht sind, daß in einer Welt, in der noch immer der Fuchs die Gans frißt, auch parlamentarische Demokratien auf Geheimdienste nicht verzichten können, müssen mit Genugtuung vermerken, daß die Käseglocke mittlerweile gelüftet ist.

Indes muß man sich realistisch eingestehen, daß der Geheimdienstdebatte vor dem großen Publikum Grenzen gesetzt sind. Die Spiegel-Leute, die ihren Report jetzt zum Buch erweitert auf den Markt bringen, haben so wenig die volle Wahrheit enthüllt, wie das sonst irgendein Außenstehender vermöchte. Ihre Einblicke erlangten sie, wie könnte es anders sein, vor allem auf dem Umweg über Unzufriedene – von Gemaßregelten, ihrer Pfründe Enthobenen, in ihren Hoffnungen Enttäuschten. Sie haben, verdienstlich genug, ein Zipfelchen der Decke hochgehoben, nicht jedoch den Blick auf das Ganze freigegeben. Auch ergibt sich aus Art und Aufputz ihrer Darstellung, daß der Drang zur Enthüllung sie wohl stärker bestimmte als das Drängen auf Reform.

Ein kläglicher Versuch

Mit Gehlen verhält es sich anders. Er besitzt den vollen Überblick, mindestens bis Mai 1968, aber er zog es vor, keinen Gebrauch davon zu machen. Seine Erinnerungen "Der Dienst", von der Welt großspurig unter dem Motto "Jetzt rede ich" vorabgedruckt, sind ein kläglicher Versuch, sich durch einen Angriff auf alles, was nach ihm kam, zu rechtfertigen. Gehlen tuscht, vertuscht, und retuschiert. Seine Legende geht aus so viel Schwarzmalerei keineswegs strahlender hervor.