Ein neues Vakzin, dessen Anwendung bei Rindern die Tiere gegen zwei Infektionskrankheiten der Atemwege (Rhinotracheitis und Parainfluenza) immunisiert, kann den Weg zu einem Mittel weisen, das Menschen vor mehreren Viruskrankheiten schützt, die bislang mit Medikamenten noch nicht beherrschbar sind.

Der vom Pharmalabor Jensen-Salsbery in Kansas City entwickelte Impfstoff "Nasalgen", das Rindern in die Nasenöffnungen gesprüht wird, regt den Organismus der Tiere nicht nur zur Antikörperbildung gegen die Erreger der beiden fieberhaften Krankheiten an, sondern zugleich auch zur Produktion von Interferon, einem Eiweißstoff, der Viren unschädlich macht. Dieses Interferon gewährt den Rindern schon 40 bis 72 Stunden nach der Anwendung des Nasensprays Schutz gegen die Krankheitserreger, obwohl die von dem Vakzin provozierte Herstellung von spezifisch gegen diese Viren gerichteten Antikörper erst frühestens eine Woche nach der Impfung wirksam werden können.

Die bei Virusbefall stets von den Körperzellen produzierte. Substanz Interferon wurde zum erstenmal 1957 von englischen Forschern isoliert. Seitdem bemühen sich Wissenschaftler darum, die antivirelle Wirksamkeit dieses Stoffes zur Bekämpfung des gewöhnlichen Schnupfens oder grippaler Infekte, aber auch der Hepatitis, Cholera und, anderer Viruskrankheiten auszunutzen.

Allerdings stellte sich alsbald heraus, daß Interferon artspezifisch ist, daß also aus Tieren gewonnenes Interferon im menschlichen Körper nicht wirksam ist. Darum sucht man jetzt nach Substanzen, die im Organismus die Interferonsynthese ankurbeln. Ein vielversprechendes Mittel dieser Art ist Poly I:C, eine chemische Verbindung, deren Moleküle offenbar von den Zellen gewissermaßen für Viren gehalten und entsprechend, das heißt mit Interferon, bekämpft werden. Vorerst freilich befindet sich die Poly-I :C-Forschung noch im experimentellen Stadium. Besonders interessant wurde sie, als man ermittelt hatte, daß Poly I:C die Zellen nicht nur gegen Virenbefall widerstandsfähiger macht, sondern auch gegen bestimmte Formen von experimentell herbeigeführtem Krebs.

Ebenfalls für vielversprechend halten die Wissenschaftler von Jensen-Salsbery das von ihrem neuen Rinder-Impfstoff gelieferte Modell einer Interferonaktivierung. Nasalgen besteht aus abgeschwächten Viren; man müßte also, so die Darstellung der Arzneimittelfirma, Viren, die diesen Krankheitserregern ähnlich sind, daraufhin prüfen, ob sie im abgeschwächten Zustand bei Menschen die Interferonsynthese anregen, ohne selbst eine Krankheit hervorzurufen. Die Aussichten, ein solches Medikament jedenfalls für eine lokale Anwendung zu entwickeln, halten die Experten des Pharmalabors für "ausgesprochen gut". Möglicherweise könne man auf dieser Basis einen Spray gegen Infektionen der Atemwege oder ein oral einzunehmendes Arzneimittel gegen virusbedingte Magen-Darm-Krankheiten finden. –ow