Noch hat er keinen Koffer in Berlin. Doch daß die "andere Luft", die er nach eigener Aussage schnuppern möchte, die vielbesungene dieser Stadt ist, wissen nun auch alle, die es gar nicht interessierte. Gerd Müller – unser Mann in Mexiko bei der Weltmeisterschaft 1970, mit 10 Toren der erfolgreichste Torschütze des Turniers, in 33 Länderspielen 40mal erfolgreich – mault mit seinem Manager. Robert Schwan – Beckenbauer-Intimus durch gemeinsame Geschäfts- und Sportinteressen – hat Prioritäten festgelegt, die Müller ins finanzielle Abseits geraten lassen – er selbst hat es gesagt.

Wilhelm Neudecker, der Präsident von Bayern München, jedoch ließ. Zahlen sprechen. Erst eine Summe von zwei Millionen Mark mache Müller für Hertha BSC möglich – Brauereidirektor und Hertha-Boß Gerhard Bautz ließ dementieren. Müller – der Mann, der aus dem Abseits kam – habe Kontakt mit dem Berliner Verein gesucht – nicht umgekehrt, die genannte Zahl sei überdies utopisch. Beide Präsidenten vereinbarten anschließend einen Waffenstillstand – der Bomber der Nation hat zunächst Ruh’.

Die Motive für sein Verhalten nannte er beim Namen: er suche neue sportliche Impulse. Außerdem sei seine Stellung in der Hierarchie der jetzigen Mannschaft immer nur zweitrangig hinter Beckenbauer. Und last, but keineswegs least hoffe er, daß nach einem Vereinswechsel seine "Zukunft gerettet" sei. Jetzt 26 Jahre alt, müsse er nun an sein Alter denken – sportlich gesehen natürlich. In den beiden letzten Argumenten liegt der Ansatz für die ganze Problematik des Menschen Müller, der stellvertretend für seine kickenden Berufskollegen seine Ängste formuliert hat.

Akteure eines Berufsstandes sui generis – er wird nur ausgeübt im Alter von 20 bis 30 Jahren – ohne Ziele außer Toren, voll von Zahlen, die betören, sind sie ständig auf der Suche nach ihrem Utopia – Existenzsicherung während der Fußballkarriere. Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Günther Netzer in Deutschland, Karl-Heinz Schnellinger und Helmut Haller in Italien sind kein Gegenbeweis, vielmehr bilden sie die Ausnahme von der Regel. Sie, die auch im internationalen Vergleich zu den "Upper Tenth" gehören, wurden jeweils massiv und gezielt gefördert – jeder von ihnen ein Primus unter Parias, mit einem Jahresumsatz von etwa 300 000 Mark. Der Verkauf von drei Nationalspielern, Koppel, Dietrich, Laumen – wie ihn der Deutsche Meister Borussia Mönchengladbach vornahm – galt der Existenzsicherung Netzers. Das sportliche Motto bleibt ja erhalten – alle für einen.

Die Entlassung des Bremer Trainers Gebhardt, sportlicher Koordinator ökonomischer Interessengruppen – Werder Bremen hatte für eineinhalb Millionen Mark eingekaufte, teure Spieler mit den alteingesessenen kombiniert –, ist ein weiteres Indiz für diese These – zu viele Stars sorgen für Spannung, zerstören jedoch Sport und Spiel.

Müllers Kampf in seinem Verein um Rang und Rubel zeigt nicht den Aufstieg und Verfall von Vereinstreue und Spielermoral, sondern ist Symptom für die vollzogene Anpassung der Helden der Nation an die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben – Müller machte es deutlich. Jürgen Werner