Von Heinz Josef Herbort

Das Schicksal eines armen Irren, eingebettet in eine blasse Musik zwischen Bach und Mozart wie Puccini und Wagner – wen interessiert das heute noch? Die Geschichte von einem träumenden Apostel, der die Ideale einer längst vergangenen Epoche, Güte, Menschlichkeit, Liebe, Aufopferung, heldenhaftes Streiten für die Dame des Herzens, in die Gegenwart zurückrufen möchte und dabei zugrunde geht, das alles in fünf Akten. dargestellt per Rezitativ und Arie, Ensemble und Chor – was fangen wir damit noch an? Haben wir nicht ganz andere Sorgen?

Daß jemand Jules Massenets Oper "Don Quichotte" ausgraben und aufführen will, müßte normalerweise als eine entsetzliche Geschmacksverirrung gelten. Wenn die Ostberliner Komische Oper sich diesen Griff leistet, ist zu ahnen, daß sich da jemand etwas Besonderes gedacht hat. Wer Götz Friedrichs Inszenierung – Premiere war am vergangenen Sonntag im Rahmen der (Ost-) "Berliner Festtage" – gesehen hat, kennt ein ebenso amüsantes wie hintergründiges Theaterereignis und weiß wieder einmal, was das Musiktheater leisten und retten kann.

Auf dem Zwischenvorhang die Symbole des freudig durchgebrachten Reichtums: ein riesengroßer Diamant funkelt, von ihm ausgehende Strahlen erhellen Türme aus Geldstücken, einen Roulette-Tisch, die Schickeria der Jahrhundertwende, eine nackte Dame auf dem Hochrad, Dragoner mit klingendem Spiel. Und irgendwo versteckt eine Alte, die ihre spärlichen Habseligkeiten bewacht.

Vor diesem Hintergrund lagern, auf kleinen Halden aus dem Wohlstandsmüll des fin de siècle, diejenigen, die von den "Brosamen leben, die von den Tischen der Reichen fallen", die Heruntergekommenen, besser: die Nie-Hinaufgekommenen, abenteuerliche Gestalten in blaugrauen, Monturen, mit Schiebermütze und Zigarillostummel. Sie starren, während das Publikum das Theater betritt, in stummer Pose unbeweglich auf ihrem Müll hockend, in die Zuschauermenge, und ihre Gesichter sprechen: Ihr seid so viel anders nicht als die da hinter uns, – zufriedene Fettsäcke. (Also sozialistische Kritik? Aber dieses Publikum ist doch ein sozialistisches?)

Während der Ouvertüre, die in den ersten Chor übergeht, entfesselt Friedrich auf der Bühne eine Inszenierungsorgie. In einer Stuckfassade öffnen und schließen sich Jalousien vor diversen Etablissements und zeigen: Roulette spielende high society und Nackttänzerinnen, Sekt saufende Geldprotze und pokernde Finsterlinge, ein Bordell mit drallen Mädchen und eine Gymnastikstube für Masochisten; die Heilsarmee protestiert mit "Pfui"-Plakaten und fordert "Gib! So wird!", eine Witwe zertrümmert während der Begräbnisprozession plötzlich die Urne mit der Asche ihres Verflossenen, reißt sich die Trauerkleidung vom Leib und verschwindet mit einem Galan in der nächsten Kammer, goldbesprühte nackte Schöne fahren vorbei, die Götzen der beginnenden Industriegesellschaft, ein Beau begeht Selbstmord, und in einem Seitenkämmerchen klopfen Gardisten den Paradegriff.

Was bei Cervantes im Spanien des beginnenden 17. Jahrhunderts spielt, hat Götz Friedrich nach Frankreich und in die Zeit der Uraufführung der Oper (1910) verlegt. Don Quichotte muß nicht mehr Bauernkneipen für Ritterburgen halten, sondern die geschilderten Etablissements; er verliebt sich, nicht mehr in ein, Bauernmädchen, sondern in einen sündhaft schönen Vamp, und die Räuber, denen er das Kollier entreißt, sind in Wirklichkeit die für einen Tag als Wegelagerer kostümierten feinen Herren, denen der Spaß, den Utopisten fertigzumachen, eine amüsante Abwechslung im Saufeinerlei ihrer Tage bedeutet.