Von Hisako Matsubara

Die Autorin unseres Tenno-Porträts, Dr. Hisako Matsubara, ist Japanerin und mit einem Kölner Physikprofessor verheiratet. Bekannt geworden ist sie durch viele ZEIT-Beiträge und zwei Bücher.

Früher, so erzählt man sich halb im Scherz, sei der erhabene Körper des japanischen Kaisers so heilig gewesen, daß selbst dem Hofschneidermeister verboten war, direkt daran Maß zu nehmen. Er durfte nur aus der Ferne taxieren; deswegen fielen die Anzüge des Kaisers meist wenig maßgerecht aus. Nur in Uniform, als General, als Admiral, als Oberster Kriegsherr, sah der Kaiser stets sehr schick aus – nicht, weil Hirohito Uniformen besonders gern mochte, sondern weil der Militärschneidermeister ihm kurzerhand den Stoff genau auf die Haut schnitt. Denn fürs Militär war der Tenno gar nicht heilig.

Will man das fast tragisch-komische Schicksal des 70jährigen Kaisers verstehen, der jetzt mit der, Kaiserin Nagako die Bundesrepublik besucht, so lohnt es sich, ein paar Seiten in der japanischen Geschichte zurückzublättern.

Hirohitos Großvater war es, der sich vor gerade einem guten Menschenalter, 1889, von seinem Reichstag eine Art Heiligkeit bescheinigen ließ. Die Argumentation hierzu war seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Schwange. Es fing ganz harmlos an mit dem Studium der japanischen Mythologie. Dort steht, daß die 1000 Inseln von den Göttern, dem göttlichen Urvater und der göttlichen Urmutter, in einer Stunde wonnigster Freude geschaffen wurden. Die Eltern übertrugen das neue Land ihrer Tochter, der Sonnengöttin Amaterasu. Deren Nachfahren in direkter Linie sind die japanischen Kaiser. Also – so stellte es sich im 19. Jahrhundert in den Köpfen einiger Gelehrter dar – ist der Tenno, wenn man genau hinsieht, fast ein Gott.

Indessen saß der leibhaftige Tenno noch ziemlich verarmt und auch sonst recht bedeutungslos in seinem Palast in Kyoto – wie seine Vorgänger seit tausend Jahren. Denn so lange war es her, daß ein Tenno politische Macht besessen hatte. Nur eines blieb, auch als das Kaiserhaus in die politische Bedeutungslosigkeit versank: der Mythos. Da die Japaner grundsätzlich alles bewahren, was Tradition hat, erhielt sich so der Tenno und mit ihm der Tenno-Gedanke.

Gewiß, manchmal mußte sich der Tenno sorgen, ob er genug Reis für den nächsten Monat hatte. Die Schogune, dem kriegerischen Samuraistand entstammend und mit der zentralen Macht in der Hand, hatten in der Regel wenig übrig für den weichlichen Kaiser und seinen ganzen übersensiblen Hofadel, der von Krieg- und Staatsgeschäften nichts mehr verstand.