Von René Drommert

Zu Recht, meine ich, hat man im Westen Einwände parat, wenn heute in der Sowjetunion die Zensur eingreift: Werke der Autoren aus politischen, weltanschaulichen, moralischen Gründen verändert oder gar die Veröffentlichung verhindert. Nur, diese Praxis ist nicht neu, sie hat ihre lange Tradition, und es ist die Frage, wann die Reglementierung durch den Staat enervierender war, jetzt oder in zaristischer Zeit.

Betrachtet man unter diesem Aspekt die "Wirbelsäulenflöte", das zweite lange, 1915 geschriebene Gedicht Majakowskijs, das Gorkij als "zentralen Nerv der Weltlyrik" pries, so ist schnell zu erkennen, ich will nicht sagen, wie dumm, aber doch wie unliterarisch und poesiefremd und damit im Effekt poesiefeindlich die zaristische Zensur manipulierte. Wörter wie "Himmel", "Gott" und "Zion" wurden gestrichen, auch Sätze, die man, wie Karl Dedecius bemerkt, für pornographisch hielt: im Prolog des Zyklus die Wendung "Gießt Freude von Körper zu Körper" (nach Dedecius: "Von Körper zu Körper fließe Lust"). Man hielt anscheinend für die stimulierende realistische Beschreibung eines sexuellen Vorgangs, was anderes ist: eher den Charakter einer Metapher hat und nicht isoliert, sondern als integrierender Bestandteil eines Gedichts begriffen sein will. Einleitend spricht der Dichter immerhin vom Schädel (Dedecius: "Hirngehäuse"), angefüllt mit Versen. Die Lust, die die Zensur, vermutlich der Kirche hörig, den Zeitgenossen nicht gönnte, hat in der Nachbarschaft des Totenschädels ohnehin keine große Chance, Höhepunkte zu erreichen.

Daß es aber Majakowskijs Absicht war, sein Publikum mit allen Mitteln seines Metiers zu provozieren, mit Vokabeln, Rhythmen, rhetorischem Pathos, darüber besteht kein Zweifel. Handkes Publikumsbeschimpfung reißt, wörtlich genommen, niemanden vom Stuhl. Das tat aber Majakowskijs Vortrag durchaus, zum Beispiel, wie ein Bericht lautet, an einem Autorenabend desselben Jahres 1915: "... die Herren schreien und steigen auf die Stühle, die Damen heulen und fallen in Ohnmacht." Vielleicht ist so auch zu erklären, warum Gorkij begeistert war, zugleich aber auch Beunruhigung zeigte: wegen der "Lautstärke" von Majakowskijs Talent.

In der Ausgabe von

Wladimir W. Majakowskij: "Die Wirbelsäulenflöte", neu übersetzt und ins Gedächtnis gerufen von Karl Dedecius; Insel Verlag, Frankfurt; 96 S., 3,80 DM

ist die Urfassung zugrunde gelegt (beim Restaurationsmaterial finden wir auch handschriftliche Eintragungen von Boris Pasternak).