General Franco trat allen Spekulationen über seinen baldigen Rücktritt entgegen. "Ich möchte Euch versichern, daß ich weiterhin an der Spitze des Staates bleiben werde, solange wie mir Gott Leben und gesundes Urteil gibt", erklärte er am 1. Oktober vom Balkon des Königsschlosses am Madrider Plaza de Oriente. Über 300 000 Spanier waren zu der größten Massenveranstaltung seit 1945 gekommen, um den fast 79jährigen Caudillo anläßlich des 35. Jahrestages seiner Machtergreifung zu feiern.

Politisch hatte Franco in seiner knapp 15minütigen Rede nichts Neues mitzuteilen. Der Feind der spanischen Einheit existiere noch immer; Demokratie in Spanien gründe sich auf Familie, Gemeinde und Syndikat. In diesem für die Entwicklung des Landes so erfolgreichen Dreiklang hätten politische Parteien nichts verloren. Francos Ausführungen wurden – so die spanischen Zeitungen – von "frenetischem Jubel" unterbrochen. Ausländischen Korrespondenten fiel jedoch auf, daß nur kleine Gruppen Beifall klatschten, der von Lautsprechern vervielfältigt wurde. Die Mehrheit blieb zurückhaltend.

Am gleichen Tag verkündete Franco zudem eine Amnestie für politische und kriminelle Häftlinge. Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten werden erlassen, längere Strafen bis zur Hälfte verkürzt. Von dieser Amnestie profitieren über 3000 der 9042 Häftlinge; 426 sitzen wegen politischer Vergehen hinter Gittern. Ausgenommen bleiben unter anderem Häftlinge, deren ursprüngliche Todesstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt wurde – besonders also die Ende vorigen Jahres in Burgos zum Tode verurteilten sechs Basken.

Die in Madrid nicht seltenen Spötter meinten sofort, die Amnestie diene der Regierung und nicht den Gefangenen. Mit Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten wegen finanzieller Vergehen müßten nämlich die Regierungsmitglieder rechnen, die in den nun stillschweigend beigelegten MATESA-Finanzskandal verwickelt sind.

Diese Überlegung ließ gleich wieder Gerüchte aufblühen. Franco habe innenpolitischen Ballast abwerfen wollen, um doch bald zugunsten von Prinz Juan Carlos zurückzutreten, der neben Senora Franco und Prinzessin Sophia die Huldigung der Menschen entgegennahm. Ein erster Schritt könne, im November oder Dezember, die Ernennung von Vizepräsident Carrero Blanco zum Ministerpräsidenten sein ...

Die ruhig verlaufene Demonstration war zugleich auch ein Sieg der Regierung über die unzufriedene Rechtsopposition der Falange. Francos Alte Kämpfer hatten bei den Ende September abgeschlossenen "Familienwahlen" zu den Cortes – wie übrigens auch die liberalen Kräfte – Verluste hinnehmen müssen. Getreu der Devise ihres Gründers Primo de Rivera, das "vornehmste Geschick fürWahlurnen" sei eben doch, "zerbrochen zu werden", opponieren sie gegen alle Wahlen. Die jüngste Entscheidung des spanischen Klerus, auf einer Trennung von Kirche und Staat zu bestehen und damit eine der regimetragenden Säulen zu zerstören, hatte ihre Laune nicht gehoben.

Aber die Regierung durchkreuzte ihren Plan, eine Demonstration nach dem Motto "Franco – ja, Opus Dei – nein!" zu inszenieren. Sie verlegte ihre eigene Kundgebung von Burgos, wo Franco vor 35 Jahren zum Staatschef kreiert worden war, in die Hauptstadt und neutralisierte die wenigen Unzufriedenen mit Spaniern aus dem ganzen Lande, die bezahlten Sonderurlaub erhielten und zum Nationalfeiertag in Sonderbussen und -zügen nach Madrid gebracht wurden.

Den Protestlern auf der Plaza de Oriente wurde vor Francos Erscheinen nahegelegt, ihre Transparente einzurollen. Sie gehorchten und machten ihrem Unmut erst nach der Beifalls-Demonstration wieder Luft, ohne freilich Beachtung oder gar Resonanz zu finden.