In der letzten Woche reiste Wolfgang Tüngerthal, 30 Jahre alt, Student der Soziologie, auf Einladung des "German National Tourist Office" in New York für vierzehn Tage nach Amerika. Die Touristik-Manager wollen ihn zur Einführung des neuen "Sales Guide" in Detroit, Cleveland, New York und San Francisco in einer Rolle vorstellen, die Tüngerthal wie ein wahrer Meister beherrscht. Amerikanische Heidelberg-Besucher kennen ihn als "Student Prince". Ein Drugstore-Besitzer aus Kansas, der ihn erlebte: "Das war mein glücklichster Tag."

Der weißhaarige George aus Bristol verabschiedete sich mit Handschlag und stammelte: "It was wonderful." Seine Reisegefährten standen derweilen mit großen, glücklichen Augen um Autogramme an. Manfred (26), Student der Zahnmedizin, berichtet: "So ist es an jedem Abend. Nach der Show kommen mindestens zehn Leute zu uns und sagen: ‚Ich habe einen Sohn daheim in Kalifornien. Er ist genauso wie Sie‘." Manfred und seine Kommilitonen verkaufen den Amerikanern, was es längst nicht mehr gibt: Old Heidelberg!

Nils Kroesen, 29 Jahre, Geschäftsführer des Verkehrsvereins Heidelberg, betrachtet dieses Geschäft mit der Romantik mit zwiespältigen Gefühlen. "Was die da bringen, könnten wir uns offiziell nicht erlauben." Aber er weiß auch: "Wenn es diese ‚Heidelberg Students Variety Show‘ nicht gäbe, müßte man sie erfinden. Sie zielt auf das Gemüt der amerikanischen Heidelberg-Besucher und zaubert ihnen ein Bild der Stadt vor, das bereits festgefügt in ihrer Vorstellung existiert."

Heidelberg – 123 000 Einwohner, 13 000 Studenten – hat jährlich 550 000 Fremdenübernachtungen. 107 000 der Schlafgäste sind Amerikaner. Hinzu kommen jährlich rund 500 000 US-Touristen, die sich nur für einen Tag in der Stadt aufhalten. Nils Kroesen: "Wenn sie das Schloß, die alte Brücke und den ‚Roten Ochsen‘ gesehen haben, wissen sie abends nicht, was sie anfangen sollen." Striptease-Lokale gibt es in der Neckarstadt nicht.

Wolfgang Tüngerthal entdeckte die Marktlücke, als er im Hotel "Alt Heidelberg" als Hausdiener jobte. Beim Koffertragen fiel ihm die Vorliebe der US-Gäste für romantische Historie auf: "Wenn eine Gruppe ankam, habe ich vor Bildern alter Persönlichkeiten in der Hotelhalle immer eine kurze Verbeugung gemacht. Nach kurzer Zeit machten die Amerikaner das nach."

Tüngerthal kam ihrem Sinnen nach der guten, alten Zeit weiter entgegen. Zusammen mit einem Freund bot er den Reiseleitern gegen prozentuale Beteiligung am Gewinn in einer "typischen Studentenkneipe" eine kleine Show aus Studentenliedern und studentischem Brauchtum. Die Idee war goldrichtig, denn – so Nils Kroesen: "Amerikanische Touristen wollen in Heidelberg etwas entdecken, was mit ihren Heidelberg-Vorstellungen übereinstimmt."

Es kostet sie drei Dollar pro Kopf. Die Getränke – Wein, Bier, Fruchtsaft oder Schnaps in beliebiger Menge – sind in dem Preis eingeschlossen. Die Studenten kommen trotzdem auf ihre Kosten. Einer von ihnen: "Wenn ein Ami einen halben Liter Bier trinkt, fällt er vom Stengel."