Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Behutsam wie ein Krankenpfleger nahm der Papst den erschöpften fast Achzigjährigen an die Hand und führte ihn aus der Sixtinischen Kapelle. War es am Tage vorher noch eine Frage gewesen, ob der ungarische Kardinalprimas Mindszenty aus seinem fünfzehn Jahre währenden Asyl in der Budapester US-Botschaft nach Rom gerufen wurde, damit er sogleich an der katholischen Bischofssynode teilnehmen könnte, so gab es nach diesem Eröffnungsgottesdienst der Synode keinen Zweifel mehr: Mindszentys lateinisches Altargebet vor den Kameras der Eurovision war kein neuer Anfang, sondern ein letzter Akt dessen, was der offizielle Vatikan-Kommentar eine "ehrenhafte Lösung", der Kardinal selbst jedoch als das "schwerste Kreuz" seines Lebens bezeichnete.

Im päpstlichen Staatssekretariat legt man größten Wert darauf, dem Eindruck entgegenzutreten, daß Mindszenty nach Rom "befohlen" wurde. Noch im Juni jedoch hatte der Kardinal seinem Wiener Amtsbruder König, der ihn seit 1962 regelmäßig im Budapester Botschaftsasyl besuchen durfte, erklärt: "Ich will kein Beran, kein Slipyj und auch kein Seper werden." Das hieß, daß Mindszenty es ablehnte, wie der tschechische und der ukrainische Kardinal, sich von der päpstlichen Ostdiplomatie eine Freiheit erwirken zu lassen, die mit politischer Enthaltsamkeit und endgültigem Abschied vom eigenen Land bezahlt sein würde. Seine Worte bedeuten, daß er sich sogar weigerte, sich wie der kroatische Kardinal Seper mit einem einflußreichen Kurienamt abfinden und durch gelegentliche Heimatbesuche trösten zu lassen. Für Mindszenty war dies nicht nur eine persönliche Sache, es war Ausdruck grundsätzlicher Ablehnung einer vatikanischen Ostpolitik, die am "Modus vivendi" statt am Martyrium orientiert ist. Dazu kam sein Stolz: "Das einzige, was ich habe, ist meine Ehre; als Krimineller gehe ich nicht ins Ausland", sagte er noch im Juni.

Zwar gibt es über den wahren Charakter des Schauprozesses von 1949, in dem Mindszenty lebenslänglich verurteilt worden war, auch bei den ungarischen Kommunisten keinen Zweifel mehr; die damaligen Regisseure sind längst selbst abgeurteilt. Aber mehr als eine Amnestierung des Kardinals, die ihm nun die Grenze geöffnet hat, konnte sich die Budapester Regierung schon deshalb nicht leisten, weil dies innenpolitisch die Rehabilitierung eines unbeugsamen Systemgegners bedeutet hätte. Und der ist Mindszenty stets gewesen: 1947, als er einem Minister mit der Mitteilung "Kommunisten sind unerwünscht", die Tür wies; 1949, als er sich in seinem Schlußwort vor Gericht "im Prinzip" schuldig bekannte, ohne sich mehr zu den absurden Geständnissen zu bekennen, die ihm eine unmenschliche Behandlung abgepreßt hatte; 1956, als er, kaum eine Woche lang in Freiheit, dem Prinzen, zu Löwenstein eine Botschaft an die Deutschen mitgab: "Seid stark, seid bereit! Nur größere Macht kann vor dem Kommunismus schützen!": 1964, als er dem Papst brieflich seine schweren Bedenken gegen das Teilabkommen zwischen Ungarn und dem Vatikan darlegte. Warum sollte es anders geworden sein, als er jetzt – wie er dem Papst schrieb – "höheren Erwägungen der Kirche" gehorchte, "um im Exil ein Leben des Gebets und der Buße fortzusetzen"?

"Wofür will er eigentlich büßen, wenn er sich unschuldig fühlt?", fragte der 70jährige Erzbischof Iljias, der als Vorsitzender der ungarischen Bischofskonferenz an der römischen Synode teilnimmt, als er in Rom durch die Nachricht vom Eintreffen Mindszentys überrascht wurde. Eine erste Begegnung zwischen Iljias und Mindszenty (der formal Primas von Ungarn bleibt) war von Erinnerungen belastet: 1956 hatte Mindszenty den Vorgänger von Iljias, den Erzbischof Hamvas, stundenlang im Vorzimmer warten lassen und schließlich nicht einmal eines Händedrucks gewürdigt. Seitdem hat der Vatikan selbst jene Politik der Verständigung mit dem Staat begonnen, die manche leidgeprüften Bischöfe Ungarns schon früher empfahlen. Läßt nun die Bereinigung des "Falles Mindszenty" weitere Erleichterungen für die Kirche erwarten?

Im Vatikan herrscht ein sehr vorsichtiger Optimismus; Gespräche, die der Papst im April mit dem ungarischen Außenminister Peter führte, und Sondierungen, die der päpstliche Unterhändler Cheli vor der Mindszenty-Abreise in Budapest unternahm, aber auch die Moskau-Reisen katholischer Würdenträger haben gegenseitiges Mißtrauen gemildert und lassen Fortschritte erwarten. Außer der Besetzung mancher vakanter Bischofsstühle gehört zu den Problemen vor allem der Status solcher ungarischer Priester, denen der Staat die Amtsausübung untersagt hat. Sie werden polizeilich oder gerichtlich belangt, sobald sie – was auch an einem Arbeitsplatz oft unvermeidlich ist – seelsorgerisch tätig werden, mit Gefängnisstrafen.