Von Toni Kienlechner

Ich will euch mal zeigen, wie man so etwas macht – das scheint als unsichtbares Motto über dem neuen Roman von

Alberto Moravia: "Ich und Er" (Originaltitels "Io e Lui"), aus dem Italienischen von Piero Rismondo; Verlag. Kurt Desch, München; 399 S., 28,– DM

zu stehen. Als geborener Präzeptor hat Alberto Moravia auch die Porno-Welle erfaßt (im doppelten Sinn: begriffen und sogleich ergriffen) und ist, im Unterschied zu anderen, nicht einfach von ihr erfaßt worden. Gerade noch rechtzeitig, ehe die Welle verrauscht, beschert er der Öffentlichkeit ein Schulbeispiel erotisch-pornographischer Literatur, das man nicht so leicht von der Hand weisen kann, selbst wenn man das Genre nicht mag.

Moravia ist schließlich Italiens wichtigster Schriftsteller. Kein anderer Mann kann sich mit ihm messen an "gesellschaftlicher Relevanz", nicht nur weil sein gescheiter Kopf als Umschlagplatz sämtlicher Gedanken und Phänomene unserer Zeit fungiert, sondern weil er auch persönlich allgegenwärtig ist im italienischen Kulturbetrieb. Seit D’Annunzio war kein italienischer Schriftsteller mehr so allgemein bekannt, so sehr im Mittelpunkt des Interesses und der Kritik, so sehr in Mode wie Alberto Moravia. Und dies seit fast vierzig Jahren! Seitdem er mit neunzehn Jahren den ersten Roman schrieb, "Gli Indifferenti (Die Gleichgültigen), ein kühles, exaktes Porträt des Durchschnittsmenschen unserer Epoche, ist er seinem Thema und seiner Tonart treu geblieben.

Sein ungeheurer Fleiß zeitigt pünktliche Ergebnisse: wöchentlich einen kritischen Essay über Film (Espresso), monatlich eine Erzählung (Corriere della Sera), monatlich auch einen Essay in der eigenen Zeitschrift Nuovi Argumenti, jährlich einen Roman, Erzählungsband oder gesammelte Aufsätze, alle Schaltjahre ein Theaterstück. Dazwischen Vorträge, Beiträge, Diskussionen in Presse und Fernsehen, Vorworte und Nachworte. Überdies reist Moravia, ungeachtet seiner fast siebzig Jahre, als hervorragender Berichterstatter durch die Kontinente: Amerika und Japan, Indonesien und Afrika, Brasilien und die Mongolei.

Worauf der Moralist Moravia jedoch immer wieder hinauswill, sind die mores,die Sitten und Reaktionen des Durchschnittsmenschen, als dessen exemplarischer Ausdruck ihm seit jeher der römische Bürger gilt: die Spezies des homo sapiens insanabilis.