Eine Schublade, die klemmt, wird zum Geheimnis, wenn nicht das Wort hilft: sie klemmt. Eine schwarze Putzfrau bearbeitet mit dem Staubsauger lange und ausdauernd den Bühnenboden. Unruhe macht sich breit. Es ist die Unruhe darüber, daß in Handkes Sprach- und Gestenuntersuchungen die Welt, die vertraute, fast bis zur Unkenntlichkeit zerfällt. Jede Konversation, Gesten zwischen Menschen, also Verständigung, wird unter solchen Vorzeichen zum "Ritt über den Bodensee". Der neue Hausherr und Regisseur Horst Zankl folgt in seiner Aufführung im Zürcher "Theater am Neumarkt" dem Wegweiser der Berliner Uraufführung: minuziöse Aus- und Auseinanderlegung des Textes ohne Rücksicht auf vordergründige Komödiantik. Zankl beläßt den Text so artifiziell wie er ist. Er liefert mit dieser Inszenierung aber auch eine Grundsatzerklärung, bedeutet einem Publikum, das erst das seine werden muß, daß er seine Mitarbeit voraussetzt. Das unterstreicht sein Spielplan, in dem jetzt "schwierige" Autoren wie Rühm, Jandl, Arrabal folgen.

Um Nuancen weniger präzis als die Berliner Uraufführung, setzt diese Inszenierung aber auch qualitativ einen Maßstab; eine sprachlich und darstellerisch so dicht verwobene Aufführung hat man in diesem Theater seit Lavellis Version von Gombrowicz’ "Yvonne von Burgund" nicht mehr gesehen. Zwar ist dieser neue Handke noch schwieriger, noch hermetischer als der "Kaspar". Zankl aber, indem er seine wortgetreue Version auch äußerlich streng realisiert, gewinnt gegen diese Schwierigkeiten, wenn er sie auf der kleinen Neumarktbühne klar herstellt und damit durchsichtig macht. Sein bereits gut eingespieltes Ensemble könnte man sich aufopfernder nicht vorstellen: alle Hauptdarsteller, Herren und Damen, treten kahlgeschoren auf. Ein Einfall, der nur kurz befremdet – bis man erfährt, wie die Figuren dadurch vom letzten Rest Individualität erlöst werden, nur noch die Satzgeber und Gestenlieferanten sind, die Handke sich vorstellt. Der "Ritt über den Bodensee" als Hohe Schule: ein Theatererfolg, aber ein Test auch. Werden die Zürcher dieses Theater als Alternative auch wollen? Dieter Bachmann