Fast die Hälfte der in unserer Tabelle verzeichneten Aktien erreichte im September einen neuen Jahrestiefstkurs. Wenn sich die Kurse gegen Monatsschluß wieder erholt haben und viele Papiere einen Stand erreichten, der nicht mehr wesentlich von denen des August-Ultimos abweicht, dann lag dies an der freundlichen Tendenz der letzten September-Woche. Sie lasierte auf der Hoffnung, daß sich jetzt die Phase der harten Restriktionspolitik dem Ende zuneigt.

Da diese Basis wenig tragfähig ist, wenn nicht in absehbarer Zeit eine Konsolidierung der Unternehmensgewinne eintritt, ist der Jubel über die freundlichere Tendenz in den Börsensälen recht gedämpft. Bemerkenswert ist allerdings, daß die sich jetzt häufenden Ankündigungen, die Dividende für 1971 kürzen oder ausfallen lassen zu müssen, nur noch begrenzte Kurskonsequenzen haben. Bei den Farbwerken Hoechst bezeichnete die Verwaltung eine Dividendenkürzung als "bombensicher", von den Farbenfabriken Bayer werden die Aktionäre ebenfalls auf eine Dividendensenkung vorbereitet. Ganz sicher scheint sie hier jedoch noch nicht zu sein.

Den Riemen enger schnallen müssen auch die Preussag-Aktionäre. Die Dividende von zuletzt 7 Mark je 100-Mark-Aktien ist für 1971 nicht aufrechtzuerhalten. Es besteht sogar die Gefahr eines totalen Dividendenausfalls. Kein Wuncer, wenn der Preussag-Kurs einen neuen Tiefstand erreicht hat. Bisher haben sich die Hoffnungen auf eine aktive Kurspflege durch die Westdeutsche Landesbank – Girozentrale –, die vor einigen Jahren eine Preussag-Schachtelbeteiligung – zum Kurs von etwa 250 Mark je Aktie aus dem Besitz der Veba erwarb, nicht erfüllt. Bei der Westdeutschen Landesbank hatte man geplant, dieses Paket als Kernstück in einen Spezialfonds einzubringen, dessen Anteile durch Sparkassen vertrieben werden sollten. Angesichts der Preussag-Kursentwicklung dürfte dieser Plan vorerst nicht zu verwirklichen sein.

Beachtliche Schwankungen hatte im September der Rheinstahl-Kurs aufzuweisen, der zeitweise auf 65,50 Mark zurückgefallen war, sich inzwischen aber um rund 10 Prozent erholte. Der heutige Kurs wird nach Meinung der Börsenexperten allein schon von der Substanz des Konzerns gedeckt. "Es würde zu einer Rheinstahl-Hausse kommen, wenn sich die Verwaltung entschließen könnte, die Firma sinnvoll zu liquidieren", meint man sarkastisch an der Börse.

Die September-Baisse-Wochen haben nicht nur die konjunkturempfindlichen Papiere in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch den "sicheren" Papieren wie Bank-, Kaufhaus- und Versorgungsaktien Verluste gebracht. Sie wurden das Opfer von Tauschoperationen. Man stellte bei ihnen die noch vorhandenen Kursgewinne sicher und stieg in die stärker gefallenen Werte in der Hoffnung um, daß sie sich rascher erholen werden als die "Klasse"-Papiere. K. W