Von der am 13. Oktober im Schwarzwald stattfindenden Zentralbankratsitzung erhoffen sich die Börsianer viel. Sie sind um so neugieriger geworden, als entgegen der ursprünglichen Planung für 13 Uhr eine Pressekonferenz einberufen worden ist. "Wenn man nichts bekanntzugeben hat, würde man die Presse nicht in den Südschwarzw-ald locken", wird kombiniert.

Weil es auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington zu keiner Beendigung der internationalen Währungskrise gekommen ist, so wird weiter argumentiert, muß der Zentralbankrat jetzt sein Ruder herumwerfen, damit die deutsche Wirtschaft beim gegenwärtig hohen Aufwertungseffekt von über 10 Prozent gegenüber dem US-Dollar und 7 Prozent gegenüber der gesamten Welt nach der Schwächung durch den Kostenauftrieb nicht in eine gefährliche Rezession abgleitet. Deshalb wird eine Diskont- und Mindestreservensenkung als möglich angesehen.

Mehr Geld in der Wirtschaft, so lautet eine Börsentheorie, bedeutet höhere Aktienkurse. Tatsächlich besteht zwischen der Geldversorgung und der Aktientendenz ein gewisser Zusammenhang. Auf der anderen Seite steht der Block jener noch unerschüttert, für die es ohne Aussicht auf einen Gewinnanstieg in den Unternehmen keine besseren Aktienkurse geben kann. Und eine Besserung der Gewinnsituation ist in der Gesamtwirtschaft noch nicht in Sicht. Die Deutsche Gesellschaft für Anlageberatung GmbH (Degab), Frankfurt/Main, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, sieht eine Gewinnwende erst im zweiten Halbjahr 1972.

Das mag auf den ersten Blick schockieren. An der Börse schreckt ein solcher Termin indessen nicht. Sie nimmt derartige Erwartungen schon sehr frühzeitig vorweg. Was wir um die Monatswende erlebt haben, schien ein erster Anlauf gewesen zu sein. Natürlich stellt man sich auf Enttäuschungen ein. Sie werden sich spätestens dann einstellen, wenn der Umfang des Gewinnrückgangs allen Aktienbesitzern sichtbar geworden ist.

Auf der Suche nach den Favoriten 1972 stoßen die Börsianer zunächst auf die Bank-Aktien. Kommt es zur Einführung des Bar-Depotgesetzes, das die Firmen zwingen soll, bis zu 50 Prozent ihrer im Ausland aufgenommenen Kredite bei der Bundesbank als zinsloses Guthaben zu halten, wird die Wirtschaft gezwungen werden, mehr als bisher auf ihre heimischen Kreditlinien zurückzugreifen. Von den Banken aus betrachtet, wird ein solcher Ansturm die Konditionen-Gespräche erleichtern; die Institute hoffen, mehr zu verdienen.

Das ist aber nur ein Punkt. Weniger Mindestreserven würde bedeuten, daß künfig wieder mehr Mittel für das laufende Geschäft zur Verfügung stehen. Das führt ebenfalls zu einer Ertragsverbesserung. Da außerdem Gebührenerhöhungen und Rationalisierungen zum Zuge kommen, sollte es möglich sein, auch die Kosten wieder in den Griff zu bekommen. K.W.