Nach der Scheidung die alte Ehe: SPD und FDP werden wieder zusammengehen

Von Dietrich Strothmann

Vielleicht ärgert sich Hans Koschnick, Bremens Regierungschef. Käme der Kaiser von Japan eher, könnte er via Fernsehen doch noch ein paar unschlüssige Wähler gewinnen. Denn Koschnick, neben seinem Amt als Präsident des Deutschen Städtetages zur Zeit auch noch Präsident des Bundesrates, muß in den drei Tagen nach dem Bremer Wahlsonntag den erkrankten Bundespräsidenten vertreten: Am Montag begrüßt er den Tenno auf dem Flugplatz, am Abend gibt er dem Gast ein Essen; am Dienstag speist er noch einmal, mit ihm, diesmal in der japanischen Botschaft; am Mittwoch folgt das dritte gemeinsame Mahl und anschließend der Abschied von der kaiserlichen Hoheit auf dem Flugplatz. Drei Tage lang Filme, Bilder, Berichte: Hirohito und Koschnick, der Japaner und der Bremer, der Kaiser und der Bürgermeister. Das wäre, in letzter Minute vor dem Urnengang, noch ein Wahlschlager für die SPD gewesen.

Doch auch ohne Bonner Glanz strahlt Koschnick, agil und clever wie eh und je, Zuversicht aus. Es ist sein erster Wahlkampf als Regierungschef und Spitzenkandidat, seit er vor vier Jahren in das Rathaus einzog. Damals hatte die SPD mit 46 Prozent (gegenüber 54,6 Prozent im Jahre 1963) die absolute Mehrheit verloren. Willy Dehnkamp, bis dahin Bürgermeister, mußte das Feld träumen; Koschnick kam auf seinen Stuhl, als Kandidat Wilhelm Kaisens, des "großen alten Mannes" der sieggewohnten Bremer Sozialdemokraten.

Kaisens Tradition will Koschnick nach dem 10. Oktober würdig fortsetzen: durch die Rückeroberung der absoluten Mehrheit und die Wiedervereinigung mit der FDP. Das letztere wird ihm gelingen, das erstere steht noch in den Sternen.

24 Jahre lang hatte Kaisens "Allianz der Arbeiter und Kaufleute", die sozial-liberale Koalition, gehalten. Erst im vergangenen Juni, kurz vor der silbernen Hochzeit, hatten die Freidemokraten die mustergültige Ehe Hals über Kopf und zum Zorn ihrer Bonner Parteistrategen gekündigt. Anlaß für diese Scheidung auf bremisch war die Universität, die sich nach FDP-Meinung mehr marxistisch als reformerisch orientierte. Manchen indes erschien der abrupte Bruch der "ewigen Partnerschaft" eher als eine Verzweiflungstat: Nach den katastrophalen Niederlagen der FDP bei den Landtagswahlen in Niedersachsen, im Saarland und zuletzt in Schleswig-Holstein, wo sie aus den Parlamenten flog wollte sie wieder Profil als Partei eigener Kraft und Macht gewinnen.

Nebenbei freilich schielte die FDP unverzagt auf die Sozialdemokraten und richtete sich auf die Erneuerung des Ehekontraktes ein: Im April bereits hatten die Freidemokraten die Fortsetzung der Koalition für weitere vier Jahre amtlich beglaubigt; diesen Beschluß widerriefen sie wohlweislich nicht, als sie ihre drei Senatoren aus Koschnicks Regierung abzogen. Überdies machte ihnen der SPD-Rumpfsenat bei der Aufstellung des neuen Investitionshaushaltes genügend Zugeständnisse. Und schließlich schoben die beiden führenden FDP-Männer, Ex-Hafensenator Borttscheller und Ex-Justizsenator Graf, der regierungsbereiten CDU noch rechtzeitig einen Riegel vor die Rathaustür. Ein Kabinett mit den Christlichen Demokraten, so erklärten sie, könne es nur geben, wenn diese im Bundesrat für die Ostverträge votierten – eine von vornherein unerfüllbare Forderung.