Wie Barzels Rivale seine Niederlage auf dem Saarbrücker Parteitag verkraftete

Von Carl-Christian Kaiser

Saarbrücken, im Oktober

Siebzig Kilometer von Saarbrücken entfernt war die Welt für Helmut Kohl wieder völlig in Ordnung. Im kleinen Speisesaal des Hotels "Präsident", in dem die rheinland-pfälzische Parteitagsdelegation mangels ausreichender Kapazität der Saarbrücker Hotellerie ihr Quartier aufgeschlagen hatte, saß er am späten Montagabend, im Kreise seiner Getreuen, unter einem Wandgemälde mit einer sanften Flußlandschaft, von freundlicher Musik aus den Hotellautsprechern überrieselt. Ahnungslose hätten glauben können, hier sei die Belegschaft eines kleinen Betriebes nach einem strapaziösen, aber dennoch gelungenen Ausflug versammelt – erschöpft, doch gelöster Stimmung.

Von Ärger oder Verzweiflung, Trauer oder Wut über die zwei Stunden zuvor erlittene Niederlage in der Konkurrenz um den CDU-Vorsitz war nichts zu spüren, auch davon nichts, daß diese Niederlage so deutlich ausgefallen war. Die Manöverkritik verschoben Kohl und seine Freunde auf später. Statt dessen wurde bei Wein und Bier auf derbe pfälzische Weise hin und her gefrozzelt. Wenn sich die Nervenanspannung des zu Ende gehenden Tages bei Helmut Kohl bemerkbar machte, dann allenfalls in dem raschen Wechsel zwischen aufgekratzter Heiterkeit und nachdenklichen Pausen, in denen er in sich hineinzublicken schien.

In ähnlicher Verfassung hatte sich Kohl tagsüber den Delegierten in der Saarlandhalle präsentiert. Das Selbstbewußtsein, mit dem der Kandidat in der Reihe der Parteipräsiden thronte, wurde gelegentlich von nervösen Gesten abgelöst, besonders als er bemerkten mußte, daß seine Bewerbungs-Rede von der Mehrheit der Delegierten nur mit Zurückhaltung aufgenommen worden war. Doch schließlich saß Kohl mit einem Gesichtsausdruck da, der etwa anzeigte: "Entscheidet euch ruhig für Rainer Barzel. Eines Tages werdet ihr doch noch merken, daß ich die besseren Argumente habe."

Was das Gros der Delegierten zu jener Stunde nicht akzeptieren und nicht honorieren wollte, war das Konzept der Ämtertrennung an der CDU-Spitze, für das Kohl und seine Anhänger zuvor landauf und landab geworben hatten. Sie plädierten für eine Trennung, die der Partei endlich zu eigenem Recht verhelfen, sie aus dem Dasein erst im Schatten des Kanzlers, dann der Fraktion und ihres Vorsitzenden herausführen und alle Kräfte der Union mobilisieren sollte – sei es, um 1973 die Macht zurückzuerobern, sei es, um die verlängerte Durststrecke in der Opposition zu überstehen.