„Christian-Morgenstern-Gedenkausgabe“, ausgewählt und eingeleitet von Rudolf Eppelsheimer. Wenn es nach Eppelsheimer und dem anthroposophischen Urachhaus-Verlag ginge, dann rangierte Morgenstern gleich hinter Meister Eckhart und Jakob Böhme. Ein Künder und Seher, seine Zeit an Tiefe und Weitblick überragend, ein ingeniöser Mystiker, der bei seinen geistigen Ausflügen ins All „auf seine Weise“ mehr gefunden habe, „als jene von den Adepten der Physik gesteuerten Mondfahrer, die nur totes Gestein zur Erde zurückbringen konnten“; ein Sucher, der „in wacher Bewußtseinsübung“ seinen Weg ging, unabhängig vom „krankhaften Gebrauch bewußtseinsverändernder Drogen, denen immer mehr junge Menschen verfallen“. Und weil war, genstern weder Hascher noch Astronaut war, lasse sich „mit froher Gewißheit“ sagen: seine Erfahrungen seien heute „von erhöhter wiedertät“. Wer so rührend einen toten Dichter wiederzubeleben versucht, wer die Gegenwart als eine Zeit klassifiziert, „in der man u. a. nach fliegenden Untertassen‘ Ausschau hält“ und Morgenstern zum Propheten dieser Zeit macht, weil er die Galgenverse schrieb: „Das Tellerhafte naht heran / auf sieben Gänsefüßen...“ – dem ist man zwar dankbar für so viel unverhoffte Komik, aber man wird von ihm nicht erwarten, daß er den Möchtegern-Visionär Morgenstern durchschaut. Der nämlich fühlte sich hienieden „hilflos in eine fremde Welt verschlagen“ und bekannte mit etwas borniertem Stolz, „ein Tor in Erdendingen“ zu sein; dafür entschädigte er sich, nicht aber seine Leser, durch kosmologische Geheimniskrämerei oder intime Zwiesprache mit der Natur, die dann läppisch genug ausfällt: „Wie ein unermeßlich Du / atmet mir der Waldgrund zu.“ Dieses Geistes aber ist Eppelsheimers Morgenstern-Auswahl. Statt der kritisch-satirischen Korf-, Palmström- und Galgengedichte, um deretwillen man Morgenstern seine „Mystik“ gern verzeiht, wird man hier mit der lauteren Wahrheit des von Rudolf Steiner Erleuchteten bedient, der uns auf Seite 142 mit der Einsicht frappiert: „Die Welt ist nicht bloß Pflanze, oder Tier, sondern – Mensch!“ (Verlag Urachhaus, Stuttgart; 195 S., 17,– DM)

Christian Schultz-Gerstein