Von Gabriel Laub

Das Buch hätte es verdient, ein Bestseller zu werden, und wenn alle es gelesen hätten, die es persönlich angeht, so wäre es auch ein unübertroffener Bestseller geworden. Es hat jedoch nichts von einem Bestseller an sich – es ist kein Märchen. Seine Helden sind keine Engel und keine Monstren, keine Karriere-, Sex- oder Gefühlsrekordler; es gibt an ihnen überhaupt nichts Außergewöhnliches. Das Buch könnte "Geordnete Verhältnisse" heißen, da die Worte "geordnet" und "Verhältnis" genau so viele Bedeutungen haben, wie man für diesen Roman, braucht. Es heißt jedoch

Vladimir Páral: "Privates Gewitter – Laborbericht aus dem Leben der Insekten", aus dem Tschechischen von Franz Peter Künzel; Carl Hanser Verlag, München; 195 S., 19,80 DM.

Ich kann mich noch an die Geburt des Schriftstellers Vladimir Páral (Jahrgang 1932, Beruf: Chemiker, wohnhaft in Aussig an der Elbe) erinnern. Es muß irgendwann zwischen 1961 und 1963 gewesen sein, ich war damals Mitarbeiter der Monatszeitschrift "Plamen" in Prag. Ein unbekannter Mann, ein Ingenieur aus einer böhmischen Industriestadt, aus Pilsen oder Aussig, hatte ein Romanmanuskript geliefert – ich glaube sogar, er hatte es einfach per Post geschickt. Zu solchen unbestellten Manuskripten von unbekannten Autoren haben Redakteure und Lektoren gewöhnlich kein großes Zutrauen. Párals "Messe der unerfüllten Wünsche" wurde jedoch schnell gelesen; die Redakteure der Prosaredaktion – junge, begabte und kompromißlose Schriftsteller – stritten sich heftig darüber und druckten den Roman. Es war eine Entdeckung und ein Erfolg.

Páral schöpfte – genau, wie es der offizielle Sozialistische Realismus verlangt – aus dem alltäglichen Leben der Werktätigen; aber gerade, weil er diese Forderung so buchstäblich erfüllte, fiel das Ergebnis ganz anders aus als das offiziell verlangte. Das passiert offiziellen Losungen immer, wenn man sie beim Wort nimmt. In einem haben jedoch die Theoretiker des Stalinschen "Sozialismus" wider die eigenen Intentionen recht: Exotische Entdeckungen sind heutzutage banal; echte Exotik findet man nur im Banalen, weiße Flecken nur im Alltäglichen und Naheliegenden. Páral hat es gleich bei seinem Erstling geschafft. Es folgte eine Buchausgabe im Prager Verlag Mladá fronta (1964) und eine deutsche bei Hanser (1966).

"Privates Gewitter" entwickelt weiter, präzisiert die Vorgänge und das Grundthema des Erstlingsromans; es ist ein faszinierendes, eigenartiges Buch von seltsamer Konzentration. Der Untertitel des Romans, "Laborbericht aus dem Leben der Insekten", stimmt wie alles in diesem Werk genau. Vor allem für den tschechischen Leser, der dabei automatisch das satirische Schauspiel von Karel und Josef Čapek "Aus dem Leben der Insekten" assoziiert. Das Buch hat die sachliche Gründlichkeit eines Laborberichtes, die scheinbare Emotionslosigkeit, hinter der sich das leidenschaftliche Engagement des Forschers versteckt, ja sogar die zwangsläufigen Wiederholungen eines Laborberichtes.

Alles bewegt sich in diesem Buche im Kreise, stilistisch und in der Handlung, so wie sich das Leben der Helden, in einem geschlossenen Kreise abspielt. (Der Roman endet mit dem Kapitel "Erstes Stadium".) Wollte man alle Wiederholungen streichen, bliebe von dem Buch vielleicht nur noch ein Viertel. Mit den Wiederholungen wäre aber auch die ganze Spannung, die Atmosphäre und die Glaubwürdigkeit des Romans beseitigt. Páral hat mit Erfolg die Rondokomposition aus der Lyrik in die realistische Prosa übertragen.