ZDF, Sonntag, 3. Oktober: "Die letzte Station von Siegfried Braun und Reinhold Iblacker

Zur Erinnerung: Vor einigen Monaten, am 10. Juni, zeigte das ZDF einen Film über die Praktiken desLondoner St. Christopher’s Hospitals, eines Krankenhauses, das moribunde Patienten nicht aufnimmt, damit sie genesen (dafür ist es im Fall der Kranken zu spät), sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, als Menschen zu sterben statt wie ein Vieh zu krepieren. (Wir haben den Bericht, der durch eine höchst eigenartige, dem Sujet scheinbar unangemessene humane Grazie bestimmt war, wegen seines Ernstes, seiner Zartheit und Noblesse an dieser Stelle gerühmt.)

Als eine Ergänzung zu diesem Film wurde nun am 3. Oktober gezeigt, was man besser (und sei’s am späten Abend) am 10. Juni vorgeführt hätte: Erfahrungen der Lebenden im Umgang mit den Sterbenden, Meditationen eines Teams, das sich Rechenschaft über das Wagnis seines Unterfangens gibt (Kameras an Totenbetten postiert, die Okulare auf von Agonie gezeichnete Gesichter gerichtet, mit der technischen Apparatur zum Report über den Augenblick des kleinen Übertritts ausgerüstet), statements der Filmmacher, die das Fragwürdige ihres Tun zu rationalisieren versuchten.

Eine lobenswerte Idee (das erzählende Subjekt wird zu einem Element der Handlung objektiviert), eine Idee freilich auch, die erst dann mit der notwendigen Konsequenz realisiert worden wäre, wenn die Autoren, Siegfried Braun und Reinhold Iblacker, mitsamt ihrem Stab, Rechenschaft über ihren Rechenschaftsbericht abgelegt hätten: Unter welcher Perspektive wurde gedreht, was wählte man aus, was ließ man fort, welche Methode bestimmte die Schnitte... Fragen, auf die der Betrachter am Bildschirm keine Antworten erhielt, so daß er den Verdacht nicht abweisen konnte, die Szenen seien diesmal ausschließlich unter dem Aspekt des Effekts, komponiert worden: dramatische Antithesen zwischen den Masken der beinahe Toten, offene Münder, schabende Finger, Augenhöhlen, die eher Höhlen waren als Augen, und den munter drauflos schwadronierenden lebendigen Leuten mit ihren Schlipsen und Apparaturen, pointierte Gags am Schluß der Sequenzen: Ich heiße Reinhold Iblacker und nicht Günter Wallraff sagte, um der Pointe willen von den Seinen beklatscht, einer der beiden Verfasser und wollte damit betonen, daß er nicht willens sei, den Geboten der Anstaltsleitung (die es nicht dulden mochte, daß das Team Autos mit Särgen photographierte) heimlich zuwiderzuhandeln. Doch ist es eins, ein Haus zu rühmen, in dem Liebe herrscht, und ein anderes, ein Haus zu entlarven, in dem man Skrupellosigkeit praktiziert, eins, Menschen als Menschen sterben zu lassen, weil sie unrettbar krank sind, und ein anderes, Napalm produzierend, Menschen sterben zu lassen, die noch durchaus gesund sind: Ist im ersten Fall, den Offenen gegenüber, Vertrauen und Gehorsam geboten, so ist im anderen, den Verschlagenen gegenüber, die denunziert werden müssen, List und Insubordination angezeigt... in St. Christopher’s ist es nicht schwer, aufs Moralroß zu steigen!

Trotzdem, die Idee war richtig, und alles in allem spricht es eher für als gegen die Mitarbeiter des Films, daß sie sich zeigten, so wie sie waren, damals in St. Christopher’s, redliche junge Operateure und keine tiefsinnig raunenden Kierkegaard-Leser.

Seltsam, freilich, daß die eine Frage nicht zur Sprache kam: Wir selbst, würden wir es erlauben, daß eines Tages Kollegen uns filmen in unserem Todeskampf, daß der Meister vom Ton den Meßzeiger beobachtet, während wir röcheln, und der Meister hinter der Kamera den Belichtungsmesser an unsere Augen hält, die nichts mehr sehen? Wären wir einverstanden damit, so wie die Fürsorgerin einverstanden war, in St. Christopher’s, die uns dann doch noch um zwei Tage überlebte?

Ich – würde das auch tun, wenn’s so weit ist: Ob es einer gesagt hat, beim Verlassen der letzten Station? Dies vor allem hätten wir gern gewußt.

Momos