Dies ist der Brief eines Piloten an seinen Navigator nach dem Deutschlandflug 1971, den beide gemeinsam Ende September in einem Sportflugzeug bestanden haben. Piloten heißen bei den Fliegern seit jeher "Emil", Navigatoren "Franz". Der Navigatorenname kommt von "franzen" – den richtigen Weg finden.

Hamburg, im Oktober

Mein lieber Franz! Das war ein hartes Stück Arbeit! Zunächst danke ich Dir herzlich, daß Du uns bei dem – zumindest streckenweise – Mistwetter heil über alle Etappen und wieder nach Hause gebracht hast. Aber mache bitte von dieser Anerkennung keinen allzu lauten Gebrauch. Die Leute haben, wie Du weißt, keine Ahnung davon, daß in Wirklichkeit nicht der Flugzeugführer, sondern der Navigator den entscheidenden Anteil am Erfolg eines fliegerischen Unternehmens hat (jedenfalls in einer solch kleinen Kiste, in der es sonst nichts zum Navigieren gibt). Wir Flugzeugführer müssen das Publikum in seinem Irrtum belassen, sonst ist es aus mit unserer Reputation.

Ein bißchen, mein Lieber, läßt sich freilich auch an der Deinen kratzen. Du erinnerst Dich gewiß noch, daß Du mich während des ganzen Fluges beschuldigt hast, ich litte unter einem "Linksdrall", was Dich zu dauernden Kursverbesserungen nach rechts zwinge. Deine Klage fand sich denn auch beim Passieren markanter Punkte stets eindrucksvoll bestätigt. Wir waren immer links von den Eisenbahnkreuzungen, Kanalmündungen und Fernsehtürmen, die wir nach der Karte hätten genau überfliegen müssen. Und ich begann schon an geheimnisvolle ideologische Einwirkungen auf meine Hand am Steuerknüppel zu glauben. Jetzt weiß ich, wer in Wahrheit den "Linksdrall" hatte und mir fortwährend eingab, danach zu fliegen: Du und der magnetische Nordpol! Wenn Du willst, auch umgekehrt: Der magnetische Nordpol und Du. Denn Du hattest vergessen, daß der magnetische Pol vom geographischen auf unserer mitteleuropäischen Länge um rund vier Grad nach Westen abweicht. Erinnerst Du Dich noch aus dem Unterricht? Man nennt das Ortsmißweisung. Wer sie nicht berücksichtigt und dem Kartenkurs jeweils vier Grad hinzuzählt, fliegt zwangsläufig andauernd nach links. Wie ich das herausbekam? Indem ich nach unserer Rückkehr Deine eingezeichneten Kursstriche mit den Kursnotizen verglich, nach denen ich fliegen mußte: sie stimmten überein. Nun, nichts für ungut; schließlich hättest Du ja die Arbeit mit Deinem Irrtum.

Etwas anderes bedrückt mich wirklich: Ich beginne rückblickend zu zweifeln, ob ein aviatorisches Unternehmen wie der Deutschlandflug in unserer Zeit noch sinnvoll und sein Geld wert ist. Wir sind an den ersten beiden Tagen des Wettbewerbs über neun Länder der Bundesrepublik hinweggeflogen. Aber man muß wohl besser sagen: Wir sind darüber hinweggehetzt. Wir hatten mit unserer langsamen Maschine und weil uns der Nebel am Mittwoch morgen in Hamburg erst verspätet losließ, auf den Zwischenlandeplätzen nicht einmal Zeit, einen Bissen zu essen.

Wir konnten uns nicht erlauben, auch nur für eine Viertelstunde vom vorgeplanten Weg abzuweichen, um ein schönes Stück Landschaft, einen Berg oder ein Schloß geruhsam aus der Vogelperspektive zu betrachten. Dein Kopf war über die Karten gebeugt, meiner über die Instrumente, damit wir nur schnell genug vorankamen. Wir fanden keine Ruhe, auch nur die optischen Eindrücke auf der Planstrecke richtig zu genießen, die das Fliegen doch erst reizvoll machen. Ich frage Dich: Sind fliegerische Wettbewerbe noch zeitgemäß, die den Besatzungen wenig mehr bieten als die Aufgabe, möglichst schnell eine möglichst große Distanz auf möglichst präzisem Kurs zu durchmessen? Eine solche Aufgabe war sinnvoll, als es noch galt, das Durchstehvermögen von Flugmotoren und die Haltbarkeit des Fluggeräts bei Wind und Wetter zu testen. Unsere Motoren brauchen solche Tests nicht mehr, unsere Flugzeuge auch nicht. Und, entschuldige bitte die Anmaßung, auf die Zuverlässigkeit unserer Navigatoren und auf ihre Rechenkünste kommt es im Grunde auch nicht mehr an. Die modernen Funknavigationsinstrumente, wie sie inzwischen in den meisten Sportflugzeugen verwendet werden, sind zuverlässiger, ausdauernder und genauer als der beste Navigator – es sei denn, man will mit dem Flugzeug eine Schnitzeljagd veranstalten wie am letzten Tag dieses Wettbewerbs. Und da haben wir dann den größten Schnitzel doch nicht gefunden.

Ich habe mitunter den Eindruck, als wollten unsere Motorflieger die Pionierzeit der Luftfahrt verewigen. Ihre Großväter waren wirkliche Pioniere. Sie mußten alle Risiken eingehen und alle Unwägbarkeiten auf sich nehmen, die die Eroberung des Luftraums mit sich brachte. Die Enkel sind keine Pioniere mehr. Wenn sie auch heute noch gelegentlich abstürzen, tragen sie in der Regel selbst die Schuld daran, nicht die Zerbrechlichkeit des Fluggeräts und die Unzuverlässigkeit der Motoren. Sie sollten sich vielleicht einmal in Ruhe fragen, ob ihr Hobby überhaupt noch unter die Kategorie Sport fällt. Wie denkt wohl der Springreiter Hermann Schridde darüber, der wie Du als Copilot und Navigator beim Deutschlandflug 1971 mitgeflogen ist?

Mein lieber Franz, ich weiß sehr wohl, daß solche subversiven Gedanken bei Dir wie bei den meisten Freunden unseres Sports – Du siehst, das Selbstverständnis ist eingefressen – eher Entrüstung hervorrufen werden. Vielleicht sind sie auch noch unausgegoren. Wenn jemand von mir verlangen würde, zu definieren, was denn Sport ist, wäre ich überfragt. Ich dächte allenfalls, so weit es uns Flieger angeht, an die Segelflieger. Im übrigen hängt natürlich mein Herz ebenso sehr am Propeller und am Gashebel wie das aller anderen "Motorisierten" auch. Es will sich nur so bescheiden geben, wie es ist – angefochten vom Streß, der ihm die Finanzierung der Flugstunden erst ermöglicht, und angefochten eben vom Zweifel, ob es im fliegerischen und sportlichen Sinne heute noch mehr tun kann, als sich selbst zu genügen. Es grüßt Dich herzlich Dein Emil."