Von Hayo Matthiesen

Was wollen Sie hier?" will Martina wissen. Als ich ihr sage, ich wolle beim Unterricht zuschauen, blickt sie mich mit ausdruckslosen Augen an: "Aha." Dann holt sie sich ein Blatt Papier, setzt sich auf ihren Platz und schreibt von einer Vorlage ab: "Ich gehe zur Schule." Martina ist zehn Jahre alt, sie ist geistig behindert, leidet an Krämpfen, ist sprachgestört und in ihrer Entwicklung weit zurück.

Josef will eine Maske ausschneiden. Er hält mir ein Blatt hin, auf das er zwei Kreise gemalt hat: "Wie geht nun die Nase?" Ich ein, Josef urteilt: "Ganz gut." Dann trennt er die Löcher für Augen und Nase mit der Schere heraus, hält sich das Stück Papier vors Gesicht und ruft "Buh!" in die Klasse, Josef ist acht Jahre alt und schwer verhaltensgestört.

Ludwig hat nach einer halben Stunde fast vierzig Wörter geschrieben; Vergißmeinnicht, Ventil, Vanille, Violine. Strahlend zeigt er, was er geleistet hat. Dann macht er sich ans Rechnen und multipliziert "Kubikketten": 16x4 – 64 4 x 4 hoch 2 = 1 x 4 hoch 3 = 4x4x4. Ludwig ist sechs Jahre alt, er ist gesund.

Martina, Josef und Ludwig sind Schüler einer Klasse, der ersten Klasse für mehrfach behinderte, verschiedenartig behinderte und gesunde Kinder in der Bundesrepublik; der Münchener Kinderarzt Professor Theodor Hellbrügge hat sie im letzten Jahr eingerichtet. Die acht gesunden und zwölf behinderten Jungen und Mädchen läßt Hellbrügge zusammen unterrichten, "weil wir für das behinderte Kind unbedingt das Vorbild und die Anregung durch das gesunde benötigen und für das gesunde Kind die soziale Aufgabe, die das behinderte ihm stellt".

Wer erlebt, wie die Kinder miteinander arbeiten, wie sie lernen und was sie leisten, kann verstehen, daß Theodor Hellbrügge "stolz auf diese Idee wie auf kaum etwas in meinem Leben" ist. Sie weist in der Tat der deutschen Sonderschulpädagogik ganz neue Wege, denn sie überwindet die traditionelle Isolierung der Sonderschüler und baut die weit verbreitete soziale Diskriminierung Behinderter ab, weil hier bereits in Kindern Verständnis für Benachteiligte geweckt wird. Hellbrügge meint denn auch, sein Versuch könne zu einem "Modell für die ganze Bundesrepublik" werden.

Ganz anders denken die verantwortlichen Beamten der Regierung von Oberbayern, die zuständig ist für Organisations- und Personalfragen an Volks- und Sonderschulen. Der Jurist Dr. Dieter Schade, Schulrechtsreferent: Hellbrügge "handelt rechtswidrig"; die Fachreferentin für Sonderschulen Gertrud Fischer, Oberregierungsschulrätin: "Ein stilloses schulisches Geschehen", "gegen den weiteren Ausbau ... müssen erhebliche Bedenken angemeldet werden".