Seit er vor vier Jahren in das Zimmer des Vorsitzenden der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) eingezogen ist, wird Hermann Brandt immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wie hältst du es mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund? Dem gebürtigen Bremer wurde schon bei seiner Wahl nachgesagt, daß er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Sympathien für eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung habe. So ergibt sich die provozierende Frage:

Wird der am Montag beginnende Kongreß der DAG in Nürnberg der letzte als selbständige Gewerkschaft sein?

"Ganz gewiß nicht."

Bevor man über einen Zusammenschluß mit dem DGB sprechen könne, müsse dieser selbst eine Reform in Angriff nehmen und sich rational gliedern.

Vordergründig ist das ein Organisationsproblem. Die DAG kann dem DGB nicht einfach als 17. Gewerkschaft beitreten, weil in der Angestelltenorganisation Mitglieder aus zahlreichen Wirtschaftsbereichen organisiert sind, während die DGB-Gewerkschaften streng nach Industriezweigen getrennt sind. Überschneidungen wären unvermeidlich.

Unausgesprochen steht dahinter jedoch das Problem, daß der DGB bis vor kurzem noch sehr stark von einer Arbeitermentalität bestimmt war und sich nur schwerfällig der soziologischen Umstrukturierung der Arbeitnehmerschaft anpaßt. So sinkt denn die DAG noch nicht an die Brust ihres großen Vetters.

Es bleibt jedoch dabei, daß Brandt eine stärkere Zusammenarbeit mit dem DGB und seinen Industriegewerkschaften anstrebt, die über die bisher schon bestehende Abstimmung in wirtschaftspolitischen Fragen und in der Konzertierten Aktion hinausgeht.