Seit dem 9. Mai erleben wir ein seltenes Experiment: Wirtschaftstheorie im Großversuch. Die Praxis des Floating gibt den Nationalökonomen die langersehnte Möglichkeit, ihre Theorie zu überprüfen.

Deutsche Währungsexperten sind nicht müde geworden, flexible Kurse als Wundermedizin gegen die schleichende Inflation anzupreisen. Bereits in ihrem ersten Jahresgutachten (1964/1965) dienten die "fünf Weisen" des Sachverständigenrates der Bundesregierung ungefragt ein Gutachten an, in dem flexible Wechselkurse für die Mark als die beste Methode empfohlen wurden, um ein Land "gegen die Weltinflation zu isolieren". Seitdem kam die Diskussion über Aufwertung und Kursfreigabe kaum noch zur Ruhe.

Und den Theoretikern ist es schließlich auch gelungen, die Politiker in das Floating hineinzureden. Durch ihre mitten in eine Währungskrise hineinposaunte Empfehlung, den Kurs der Mark freizugeben, verwandelten die fünf Institute für Konjunkturforschung den ohnehin starken Zufluß von Spekulationsgeld in eine Springflut, die alle Widerstände gegen eine Freigabe des Wechselkurses wegspülte.

Sind nun die hochgespannten Erwartungen der Theoretiker erfüllt worden? Entscheidet jetzt der Markt über den "richtigen" Wechselkurs? Ist die Bundesrepublik wirksam gegen die Weltinflation isoliert?

Die Antwort heißt nein. Selbst Karl Schiller, als eifriger Verfechter des Floating sicherlich ein unverdächtiger Zeuge, klagt inzwischen darüber, daß der Aufwertungseffekt viel zu stark sei. Und auch dieser überhöhte Aufwertungssatz schirmt die Bundesrepublik zudem nicht wirksam gegen einen weiteren Zustrom heißen Geldes ab. Spekulationsgeld strömt weiter ein und fördert die inflationären Tendenzen.

Warum aber versagt das theoretisch so überzeugende Modell in der Praxis? Die Antwort ist einfach: Weil die Professoren aus ihren Theorien die ordinären politischen Realitäten ausgesperrt hatten. Das zeigt bereits die unrealistische Vorstellung, man könne ein wirtschaftlich, politisch und militärisch so vielfältig mit der übrigen Welt verflochtenes Land wie die Bundesrepublik in einem Bereich einfach von der Außenwelt "isolieren". Es ist offenbar auch keinem der Theoretiker in den Sinn gekommen, daß ein US-Präsident seine Entscheidungen in der Währungspolitik nicht mit dem Lehrbuch in der Hand, sondern mit dem Blick auf die nächsten Wahlen treffen könnte. In keinem Gutachten wird bedacht, daß die USA mit Handelskrieg und Truppenabbau drohen könnten, um ihre Wünsche durchzusetzen.

Die Befürworter der freien Kursbildung sind besonders stolz auf den "marktwirtschaftlichen Charakter" dieser Maßnahme. Sie haben dabei schlicht übersehen, daß die tieferen Ursachen der Krise nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur sind und deshalb mit den falschen Waffen bekämpft werden. Und daß selbst "sauberes Floating" beispielsweise nichts gegen den schmutzigen Vietnamkrieg – eine der Ursachen der Dollarschwäche – hilft, wird wohl niemand bestreiten wollen.