Von Rolf Zundel

Es ist eine Legende, daß die CDU auf ihrem Parteitag in Saarbrücken einen neuen Parteiführer gewählt hätte. Es gibt zwar einen neuen Vorsitzenden namens Rainer Barzel, aber seine Wahl war im Grunde bloß die Bekräftigung, der Tatsache, daß er als Oppositionsführer im Parlament politisch schon bisher der erste und wichtigste Mann der Partei war.

Die Union hatte zwar zwischen zwei Kandidaten für den Parteivorsitz die Wahl, Rainer Barzel und Helmut Kohl, aber die entscheidende Frage lautete nicht, wer von den beiden Bewerbern am besten geeignet sei, die Arbeit der Partei zu intensivieren und ihr Eigengewicht zur Geltung zu bringen. Die Frage war vielmehr: Wer führt die CDU im Wahlkampf, wer ist ihr Kanzlerkandidat – Barzel oder irgendein anderen? Der Kanzlerkandiat war wichtiger als der Parteivorsitzende.

Viele Christliche Demokraten schreckte die Vorstellung, daß eine Desavouierung Barzels, der durch Amt und Praxis in die Rolle des ersten Mannes der Union hineingewachsen ist, ein gefährliches Führungsvakuum hinterlassen würde – und das zu Beginn des härtesten und schwierigsten Wahlkampfes in der Geschichte der Bundesrepublik. Die CDU hat Barzel nicht mit Begeisterung gewählt, doch vermochte sie keine überzeugende Alternative zu erkennen und hat sich daher, kühl kalkulierend, mit großer Mehrheit ins Unvermeidliche geschickt.

Barzels Gegenspieler Kohl erlitt in Saarbrücken eine Niederlage. Aber sie ist erträglich: Er hat immerhin gegen den Kanzlerkandidaten der Union verloren. Der eigentliche Verlierer von Saarbrücken ist dagegen Gerhard Schröder. Er begann erst zu kämpfen, als die Schlacht längst verloren war. Auch mit seinem eindrucksvollen Auftritt auf dem Parteitag konnte er das Terrain nicht mehr zurückerobern, das er vorher preisgegeben hatte. Sein Anspruch auf die Kanzlerkandidatur hat nach Saarbrücken nur noch protokollarischen Wert.

Der neue Parteivorsitzende wird versuchen, so schnell wie möglich mit Franz Josef Strauß ins reine zu kommen. Barzel will zunächst die Einigung über die Kanzlerkandidatur erreichen und dann auf einem gemeinsamen Parteitag die Wahlkampfplattform der Union verabschieden lassen. CSU-Politiker schlagen die umgekehrte Prozedur vor. Ihre Absicht ist klar: Barzel soll unter Druck gesetzt werden, damit die CSU auf die Formulierung der Wahlkampfplattform und bei der Zusammenstellung der Führungsmannschaft möglichst großen Einfluß hat.

Rainer Barzel ist die Nummer eins seiner Partei. Ihre Starke aber wird das Team sein. Dafür hat Saarbrücken gute Voraussetzungen geschaffen. Die Diskussion um den Parteivorsitz ist hart, aber fair geführt worden; die CDU kann sich dies zur Ehre anrechnen, Und bei allen Bedenken gegen Barzel, die mancher Delegierte in seinem Herzen bewahrt – eines verbindet die Union: die Überzeugung, daß die amtierende Regierung so schnell wie möglich gestürzt werden müsse.