Von Wolfram Siebeck

In Italien nehmen Bilderdiebstähle in besorgniserregender Weise zu, lesen wir. Besorgniserregenderweise? Glücklicherweise, meine ich. Denn endlich geschieht etwas mit diesen zähen, kaum kaputtzukriegenden Tafelbildern, die, wie es die Anhänger der jungen Kunst so richtig erkannt haben, nicht mehr in unsere Zeit passen. Höchstens noch in Museen. Und Museen passen schon gar nicht mehr in unsere Zeit. Also haben die jungen Künstler – jedenfalls die, die in unsere Zeit passen – für uns Zeitgenossen etwas Passendes gefunden: die Aktion.

Eine Aktion ist Kunst, weil dabei etwas passiert. Beim Tafelbild, das liegt auf der Hand, passiert nichts, solange es nicht gestohlen wird. Es hängt an der Wand und macht nicht einmal ticktack. Es kann zwar runterfallen; aber der Mensch, dem das Tafelbild gehört, ist dann meistens gerade nicht im Zimmer, so daß ihm der Prozeß des Herunterfallens nichts vermitteln kann. Wie zum Beispiel die neue Erkenntnis, daß er vom herrschenden System ganz fürcherlich ausgebeutet wird.

Da lob’ ich mir einen Künstler, der durch seine Aktion nicht nur die Ausbeutung des versklavten Konsumenten sichtbar macht, indem er nämlich öffentlich ein Plastikkissen aufbläst, sondern damit auch noch die uns belastenden Traditionen entlarvt. Leider ist der Konsument, dem er das Kissen dann verkauft, meistens nicht genügend aufgeklärt. Er, dem alles so schön klar und deutlich wurde, als der Künstler in das Kissen blies, nimmt es mit nach Hause und legt es aufs Sofa.

Da liegt es nun; und anstatt die uns belastenden Traditionen zu erkennen, belastet der Konsument das Plastikkissen, indem er sich darauf setzt. Das vermittelt ihm höchstens die Erkenntnis, daß man auf einem Daunenkissen besser sitzt. Bestenfalls könnte ein glücklicher Zufall es fügen, daß das überm Sofa hängende Tafelbild beim Runterfallen aufs Kissen stürzt und so doch noch eine irgendwie aufklärerische Aktion zustande kommt. Aber nach aller Wahrscheinlichkeit sitzt dann gerade der Konsument auf dem Kissen, und das Bild fällt ihm auf den Kopf. Den Denkprozeß aber, der dadurch ausgelöst wird, kennt man zur Genüge. Der Mensch mit der frischen Beule auf der Großhirnrinde denkt: Scheiße!

Das ist zwar genau das, was der Kissenproduzent beabsichtigte, aber es ist nicht die richtige Art von Scheiße. Denn anstatt nun die Gesellschaft, die ihn ausbeutet und Verhältnisse schafft, welche es ermöglichen, daß Bilder von den Wänden fallen und ihn am Kopf verletzen, anstatt also diese Gesellschaft nun ein für alle Male abzuschaffen, nimmt der Mensch einen Hammer und schlägt einen neuen, stärkeren Nagel in die Wand. Womit er die bestehenden Verhältnisse befestigt und das zähe, kaum kaputtzukriegende Tafelbild dazu. Banause, der er ist!

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