Das Wort Willy Brandts

von den "Schreibtischtätern" hatte bei uns daheim unerwartete Folgen. Das vom Kanzler angesprochene Möbelstück wurde nämlich auf Betreiben Margots, die immer argwöhnt, ich täte zu wenig bzw. gar nichts, spornstreichs angeschafft, und steht jetzt im Wege, also mitten im Livingroom. Die Kanzler-Worte sind meist von großer Klarheit und Schlichtheit – dieses jedoch scheint von Margot völlig mißverstanden worden zu sein. Welche Assoziationen das Wort "Schreibtischtäter" auch sonst ausgelöst haben mag – bei Margot stellte sich sofort die Vorstellung ein: "Wer an einem Schreibtisch sitzt, der tut dort auch ’was’."

Wir hatten nie einen Schreibtisch. Das liegt daran, daß ich am liebsten im Liegen schreibe. Margot hielt das schon immer für einen Vorwand. Jedesmal, wenn sie mich ausgestreckt und mit geschlossenen Augen im Ledersessel liegen sah, äußerte sie denVerdacht, ich würde jetzt keineswegs über einen Kommentar zum Zeitgeschehen nachgrübeln, sondern schlichtweg ein Nickerchen machen. Mein Argument, die besten Ideen kämen mir im Liegen, stieß jedenfalls bei ihr auf taube Ohren.

Kaum hatte sie unser Mobiliar durch den Schreibtisch ergänzt, da bekam ich schon Schmerzen im Rückgrat. Das hielt Margot für einen ersten Erfolg dieser Anschaffung, weil nun wenigstens feststände, daß ich eines besitze. Dazu erweckte der reine Anblick dieses Möbelstücks bei ihr die Assoziation – das verdanke ich Brandt – von ungeheurem Tatendrang.

"Was tust du gerade?" fragte sie gelegentlich, ohne von Germain Greers "Weiblicher Eunuch" – auch eines von diesen Büchern, die immer in die fälschen Hände geraten – aufzublicken.

"Ich spitze meinen Bleistift."

"Das hast du doch vorhin getan."