Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Die Türklingel funktioniert nicht. Deswegen klopft Hermann Korioth an die Tür. Nichts rührt sich. Er klopft stärker, schlägt schließlich mit der Faust. "Nur unten abgeschlossen", sagt er, "das Sicherheitsschloß ist offen. Ich bin überzeugt davon, daß jemand hier ist." Der Gerichtsvollzieher kennt seine "Kunden"; besonders jene, mit denen er regelmäßig zu tun hat.

Der hier hat 3900 Mark Alimentenrückstände. "Er kommt einfach nicht über mit dem Geld." Korioth hat den Haftbefehl – ein rosarotes Papier, amtlich "Verhaftungsprotokoll" – in seiner Aktentasche. Der Mann war nicht erschienen zur Ablegung seiner "eidesstattlichen Versicherung" (früher sagte man "Offenbarungseid"). Nun soll Korioth, der verlängerte Arm des Gerichts in zivilrechtlichen Angelegenheiten, den Mann zur Ablegung des Eides vorführen.

Käme der Mann denn einfach mit? "Wir dürfen persönlich – also mit eigener Hand – Widerstand brechen", sagt Korioth. "Ich dürfte den Mann zum Mitkommen zwingen. Aber meistens bitte ich in solchen Fällen die Besatzung eines Peterwagens um Amtshilfe."

Widerstand gegen einen Gerichtsvollzieher ist Widerstand gegen die Staatsgewalt. Aber Korioth macht von seinem Recht, jemandem persönlich die Taschen umzukrempeln, ihn festzuhalten, ihn abzuführen, nur selten Gebrauch. Und obgleich sein Amtsbereich im berüchtigten Gebiet Hamburg-St. Pauli liegt, trägt er niemals einen Revolver. Dabei hat er oft mehrere tausend Mark in bar bei sich. Er sagt: "Ich fühle mich hier sicher. Vielleicht gerade hier."

In der Wohnung rührt sich noch immer nichts. Gerichtsvollzieher Korioth könnte sich mit Gewalt Zutritt verschaffen. "Aber woher bekomme ich so schnell einen Schlosser, der die Tür aufbricht?" Er könnte mit zwei Zeugen die Wohnung betreten – oder mit einem einzigen Zeugen, wenn dieser Beamter ist. Der Briefträger, zum Beispiel, würde genügen. Er könnte herausholen, was pfändbar wäre. "Aber ich kenne die Wohnung und weiß, daß nichts Wertvolles drin ist."

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