In Strafanstalten der Bundesrepublik leben durchschnittlich etwa 50 000 "Gefangene". Nimmt man die Untersuchungsgefangenen hinzu, so ist etwa jeder 1000. Mitbürger seiner Freiheit beraubt Über 1000 "verbüßen" lebenslange Verurteilung, mehr als 800 leben in Sicherungsverwährung.

Der bundesdeutsche Strafvollzug kostet jährlich mehr als 500 Millionen Mark. Ein einziger "Haftplatz" verursacht Baukosten von etwa 50 000 Mark. Der Effekt solcher Aufwendung nähert sich der Nullkurve: 80 Prozent aller Gefängnisinsassen sind "Rückkehrer", der Rüekfall ist hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Gesamtwirtschaftlich ist Strafvollzug noch teurer. Millionenwerte an Arbeitskraft legt er brach, für unterhaltslos gewordene Familien fordert er Sozialunterstützung. Strafvollzug in seiner jetzigen Form ist der teuerste Unsinn, den wir uns leisten.

Die Geschichte des Strafvollzugs in Deutschland, sagt der Hamburger Strafrechtler Sieverts, ist ieine Kette von mißlungenen oder steckengebliebenen Reformen". Strafvollzug ist abhängig von den Zielen der "Strafe". Dient sie vor allem der Vergeltung, verinnerlicht "Sühne" genannt, so muß sie als Zufügung von Leiden vor allem repressiv sein. Dient sie vor allem der Isolierung des als gefährlich erkannten oder empfundenen Bürgers, so wird sie auf möglichst lange, möglichst hermetische Abschließung achten. Für beide Strafziele ist die Bagnostrafe der ideale Vollzug. Gemessen an diesen Zielen ist unser Strafvollzug noch am ehesten erfolgreich. Aber ist es der Strafvollzug, den wir wollen und den wir verantworten können?

Strafvollzug wird sich immer auch richten nach dem Bild vom Menschen. Das Bild hat sich mehrfach gewandelt. Weniger denn je wird Straffälligkeit als ererbte Veranlagung, mehr denn je wird sie als durch soziale Umstände bedingt, als durch "Umwelt" verursacht verstanden. Weniger als je wird der Verstoß gegen strafbewehrtes Sollen als moralische, als persönliche Schuld begriffen. Mehr als je verstehen wir die strafbare Nichtanpassung an herrschendes Sein oder Sollen, als soziale, psychische oder medizinische Erkrankung. Mehr als je erscheint uns die Erkrankung verursacht durch eben diejenigen Umstände, an die eine Anpassung unter Strafandrohung verlangt wird. Mehr denn je sehen wir im Strafrecht nicht die ethische Forderung, gegründet auf Metaphysik, sondern kühl ein technisches Regulativ zum Funktionieren der Gesellschaft. Die Frage ist dann: welcher Gesellschaft, Funktionieren wozu und für wen?

Kriminalität, die Millionenzahlen mühelos überschreitet, wird erkennbar als Erkrankung der Gesellschaft insgesamt. Erscheinungen, die solchen Umfang erreichen, sind individuell allein weder erklärbar noch korrigierbar. Wenn Kriminalität zu !

drei Vierteln aus Vermögensdelikten besteht, dann deutet das auf strukturelle Ursachen im Bereich der Vermögenspolitik. Solche gesamtgesellschaftlichen Ursachen sind mit Strafvollzug nicht mehr behebbar. Sie werden, im Gegenteil, durch Strafvollzug perpetuiert. Eine Gesellschaft, die den Warenhausdiebstahl zwar ermittelt und bestraft, gleichzeitig aber Wirfschaftskriminalität von gesamtgesellschaftlich relevantem Umfang schon instrumenteli gar nicht erfassen kann, verwirkt den Anspruch, im Namen aller noch Recht zu sprechen. Wenn in diesem Land auf hundert Einwohner, pro Jahr zwei bis drei Diebstähle kommen, dann muß der sinkenden Achtung für Eigentum ein Zustand entsprechen, der zur Achtung nicht inspiriert. Wenn in diesen. Land auf hundert Einwohner, Greise und Kleinkinder eingerechnet, pro Jahr drei bis vier Vermögensdelikte entfallen, dann ist ein Ungleichgewicht an Vermögensverteilung zu vermuten, das physikalisch zur Korrektur drängt. Ein Strafvollzug, der Anpassung leisten will an solche Verhältnisse, wird zur Komplicenschaft einer Verzerrung. Zum wirksamen Strafvollzug muß mit anderen Worten gehören: die ständige Veränderung der "Verhältnisse" an einen Stand, der Anpassung an die "Verhältnisse" individuell erst sinnvoll und damit auch strukturell erst möglich macht. Wo das nicht erreicht wird, bleibt auch ein "moderner" Strafvollzug ohne Chance.

Einige Überzeugungen haben steigende Tendenz. Strafvollzug wird heute vor allem verstanden als Resozialisierung, als Wiedereingliederung in eine als sinnvoll erfahrbare Gesellschaft "Wiedereingliederung", der Vollzugsexperte Schüler Springorum weist darauf hin, wird oft bedeuten: der erstmalige Versuch einer nie geleisteten Eingliederung. Damit wird Strafvollzug Hilfe an einem Mitbürger, der sich durch Straffälligkeit als hilfsbedürftig erwiesen hat.