Gesellschaftliche Veränderungen werden jetzt allenthalben im Munde geführ;. In der Tat ändert sich "Gesellschaft" rapide, wo sie begriffen wird als: ein Konglomerat: aus nationalen Zugehörigkeiten, sittlichen Ordnungen, modischen Verhaltensweisen, technischen Einrichtungen und politischen Ideologien. Es empfiehlt sich jedoch, ab und zu einmal zurückzutragen oder — um mich zeitgenössischer auszudrücken — zu "hinterfragen", was denn gemeint sei mit "der Gesellschaft", von der jeweils die Rede ist.

Im Sinne von Zugehörigkeiten, Ordnungen, Verhaltensweisen, Einrichtungen, Ideologien hat die Gesellschaft dieses Landes allein innerhalb der letzten vierzig Jahre so ungefähr alles erlebt, was überhaupt möglich ist: Liberalismus, Parlamentarismus, Faschismus, Kommunismus, Klerifcalismus und Anarchismus. Oft schien sie das alles gleichzeitig zu erleben.

Die Älteren von uns kennen so manchen recht gut, der schon Demokrat war und Faschist und Anarchist und Komniunist oder Liberaler — und der sich, darauf kommt es Hier an, dabei doch "als Me nsch" kaum verändert hat.

Daher heißt meine Auch dafür, daß Menschen das nicht wahrhaben wollen, gibt es Belege in allen Jahrhunderten. Sie haben immer vom "neuen Menschen" geträumt, den Nietzsche mit einer oft falsch interpretierten Vokabel den "Übermenschen" nannte. Sie xhaben sich gerne als völlig anders empfunden, anders als die, die vor ihnen waren. Im Verhältnis zu ihren Vorfahren glaubten die Leute immer, sie seien vor allem erstens klüger und zweitens weniger glücklich.

Ein Meinungsforschungs institut stellte: unlängst durch Umfrage fest, Frauen schätzten an Männern am meisten— Liebe und Treue. Anders hätten die Griechinnen zu Zeiten Homers diese Frage auch nicht beantwortet. In der Umfrage unserer Tage wurde freilich nicht von "Liebe" gesprochen, sondern von sexueller Anziehungskraft". Aber das ist auch so eine Frage der Terminologie: Wie ich die Schöne Helena zu kennen glaube, hat solche "sexuelle Anziehungskraft" auch bei ihr schon eine gewisse Rolle gespielt Oft ist es die Sprache, die dadurch, daß sie einen alten Sächverhalt neu formuliert, Veränderungen der Sache suggeriert. Verändert jedoch hat sich vor allem die Perspektive. Durch Sprache fixierbare, ohne Sprache undenkbare Perspektiven, unter denen ein Sachverhalt erscheint, nennen wir — ohne uns dessen recht bewußt zu sein —Bewußtsein "Lohnabhängige, die von den Herrschenden repressiv ausgebeutet werden, sind ein revolutionäres Potential" — das mag als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis modernster Polit Soziologie durchgehen. Aber Schiller sagt schon ganz das gleiche, allgemein verständlicher und pathetischer: "Den Sklaven, wenn er die Kette bricht — den soll fürchten, wer an der Macht ist. Im folgenden Text geht es um die Klage eines älter werdenden Mannes: "Wie schnell sind diese Jahre vergangen! Man könnte zweifeln, ob man sie nur geträumt oder ob man sie wirklieh erlebt hat. Und alles, was ich einmal für so wichtig gehalten habe — was war denn dran? Überall herrscht heute diese aggressive Intoleranz . Die junge Generation, die doch einmal so vielversprechend erschien, ist ein trauriger Haufen. Humor haben diese jungen Leute überhaupt nicht mehr. Sie protestieren immer nur gegen das, was sie für die etablierte Gesellschaftsordnung halten " Ich habe hier nicht viel anderes getan, als einem Text sein Sprachkleid vom Leibe zu reißen und ihn in die Zwangsjacke einer moderneren Ausdrucksweise zu pressen.

In Wirklichkeit ist der Text 750 Jahre alt und stammt von Walther von der Vogelweide. Im Original heißt er so:

Seit aus dem letzten Affen der erste Mensch geworden ist, hat dieser Mensch sich erstaunlich, i erschreckend wenig verändert. Erich Kästner ging, wie das einem Satiriker wohl ansteht, noch einen Schritt weiter und konstatierte: "Es herrscht noch immer der gleiche Ton wie seinerzeit auf den Bäumen "