Von Fritz Latscha

Fast zwei Tage, genau 1,82 Tage, beträgt die statistisch erhobene durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Besucher Basels. Jenen Basler, die am Tourismus interessiert sind, wäre mehr zweifellos lieber. Aber wie? Basel, die Stadt mit 230 000 Einwohnern in der Nordwestecke der Schweiz, putzt sich für die Touristen nicht besonders heraus. Es liegt eher im Charakter der Stadt und ihrer Bewohner, ihre Reichtümer und Kostbarkeiten zu verstecken.

Wer nur auf laute Reize anspricht und den großen Wanderzügen nach populären Gegenden oder Städten folgt, die gerade "in" sind, stößt kaum auf Basel. Es sei denn, er benütze wie Millionen andere auf der Fahrt in den Süden die große Nordsüdverbindung über den St. Gotthard. Dann bleibt ihm Basel – eine höchst zwiespältige Empfehlung – als Grenzstadt und zeit- und nervenaufreibender Flaschenhals zwischen den deutschen und schweizerischen Autobahnen in Erinnerung.

Basel sei jenen Reisenden empfohlen, die eine Stadt in ihrer Ganzheit erleben wollen. Die eine Nase dafür haben, wie sehr der Charakter einer mittelgroßen Stadt vom guten Zusammenspiel wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Kräfte geprägt wird. Basel bietet dafür guten Anschauungsunterricht.

Bequem noch zu Fuß zu durchstreifen, gibt sie ihrem Besucher ihr organisches Wachstum zu erkennen. Ausländische Besucher haben Basel seine echte "Urbanität" attestiert. Humanisten unter ihnen meinten auch schon, Basel sei so etw.as wie ein modernes Abbild der noch überschaubaren "polis".

Fritz Latscha, der Autor dieses Beitrags, ist Redakteur der Basler National-Zeitung. Siebzehn Folgen unserer Städte-Serie sind jetzt in einem Buch erschienen: "Zwei Tage in ... Europäische Städte laden ein." Es enthält Reisevorschläge für Kurzbesuche in Berlin (Ost und West), Brüssel, Dublin, Florenz, Istanbul, Kopenhagen, Leningrad, London, Madrid, Moskau, Oslo, Paris, Prag, Rom, Rotterdam und Wien. (248 Seiten, 17 Karten, Piper-Verlag, München, 19,80 Mark.) Außerdem erschienen bisher in der Reihe "Zwei Tage in ..." Berichte über folgende Städte: Lissabon, Athen, Stockholm, Zürich, Belgrad, Budapest, Antwerpen, Helsinki, Amsterdam, Mailand, Warschau, Bukarest und Salzburg.

Aber wie dem auch immer sei: Basel ist eine durchaus moderne, pulsierende Stadt, die zweitgrößte, der Schweiz. Zur größten, Zürich, steht sie in einem besonderen Verhältnis. Gegen die wirtschaftliche Übermacht Zürichs kann sie ernsthaft nicht mehr antreten. Die Basler schöpfen ihr Selbstbewußtsein denn vorwiegend aus dem Gefühl, den andern Schweizern im allgemeinen, den Zürchern aber im speziellen an Schlagfertigkeit und Spottlust überlegen zu sein. Doch auch in diesem Wettstreit mit Zürich spielen die Basler die eigene Bedeutung gern herunter. Basel ist nämlich – auch im internationalen Vergleich – ein bedeutender Handels-, Banken- und Industrieplatz. So haben hier unter anderen die beiden größten Pharmaproduzenten der Welt – Hoffmann-La Roche und ‚Ciba-Geigy – ihren Hauptsitz.