Warnung vorm westlichen WC

In der sehr weisen Erkenntnis, daß dem unvorbereiteten japanischen Durchschnittstouristen – der zur Zeit die Welt erobert – beim Besuch in Europa allerhand Überraschungen blühen, hat das japanische Auswärtige Amt zusammen mit einigen anderen staatlichen und halbstaatlichen Ämtern ein sehr lustiges Pamphlet herausgebracht. Premierminister Sato gab ihm höchstpersönlich ein gelehrtes Geleitwort auf den Weg. Japan Airlines verteilt es an alle seine derzeitigen Weltreisenden.

Europa spiegelt sich ein bißchen in japanischer Pupille. Hier der Text:

Kleine Diplomatie

Diplomatie wird nicht nur von den Regierungsoberhäuptern und den Angehörigen des Auswärtigen Amtes betrieben – jenseits unserer Landesgrenzen sind auch Sie ein Diplomat. Jede kleine Geste von ihnen und jedes Wort gewinnen draußen ein internationales Gewicht. Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt ruht auf Ihnen.

Sie sind ein Botschafter

Sie sind sogar mehr als ein Botschafter – weil Sie draußen an einer x-beliebigen Straßenecke mit einem x-beliebigen Menschen sprechen und Freundschaft schließen können. Die Menschen in der Welt lernen durch Sie Japan kennen und uns Japaner verstehen. Ihre Verantwortung ist also groß.

Seien Sie trotzdem gelockert

Warnung vorm westlichen WC

Mit einem Grundstock an internationalem Anstand und Benimm sollte es Ihnen ein leichtes sein, Ihre Reise dennoch voll zu genießen. Diese kleine Schrift hilft Ihnen dabei. Glückauf, Weltmann, und gute Reise!

Im Flugzeug

Jeder Wunsch nach Entspannung hat seine Grenzen. Es geht einfach nicht, daß Sie hier Ihre Hose ausziehen. Sie dürfen sich höchstens Ihres Jacketts entledigen. Wenn Sie sich unbedingt umziehen müssen, tun Sie das bitte in der Toilette. Aber ziehen Sie keinesfalls Ihren Pyjama an. Das ist im Flugzeug streng verboten. Auch unmittelbar nach dem Abflug und vor der Landung sollten Sie nicht versuchen, sich umzuziehen. Ein Flugzeug ist kein japanischer Ausflugbus. Sie stehen hier im internationalen Rampenlicht.

Sagen Sie zu Ihrem Nachbarn – falls dieser kein Japaner ist – immer wenn Sie Ihren Sitzplatz verlassen wollen "excuse me", und wenn Sie zurückkommen "thank you". Es gilt im Flugzeug auch als Grundregel, daß die Passagiere keinen selbstmitgebrachten Alkohol trinken. Bitte halten Sie sich daran. Während des Essens verändern Sie bitte auch nicht die Stellung Ihrer Rückenlehne: für Ihren Hintermann, der ja auch gerade ißt, könnte das katastrophale Folgen haben. Wenn die Stewardeß Sie fragt: "Tea or coffee?" sollten Sie sich Ihre Antwort nicht ewig lange überlegen. Entscheiden Sie sich deutlich für eines der beiden, aber wenn Sie sich für keines entscheiden können, sagen Sie laut "no, thank you".

Während eine Stewardeß serviert, sollten Sie nicht mit Ihrer Kamera hinter ihr herlaufen. Es ist auch nicht die Art eines Weltmannes, an eine Tür, an der "occupied" zu lesen ist, dauernd zu klopfen. Wenn "vacant" darauf steht, dann gehen Sie ruhig hinein. Vergessen Sie aber nicht, die Tür von innen zu verriegeln. Bitte entriegeln Sie sie auch nicht, bevor Sie nicht ganz fertig sind. Es gilt international als sehr peinlich, eine Toilette mit noch hantierender Geste zu verlassen.

Im Hotel

Wenn man den Aufzug benutzt, gilt als Grundgesetz: ladies first. Von Herren wird erwartet, daß sie im Aufzug den Hut abnehmen und das Rauchen einstellen. Wenden Sie sich so, daß Ihr Gesicht in Türrichtung zeigt.

Warnung vorm westlichen WC

Auf dem Flur eines Hotels hat man sich so zu benehmen wie sonst auf der Straße: also nicht im Pyjama und nicht in Unterhosen herumlaufen. Auch Schlappen sind unerwünscht. Man zieht in der internationalen Welt seine Schuhe nie aus, es sei denn, im eigenen Bett.

In einem Hotelflur soll man nicht rauchen und auch nicht laut diskutieren. Falls Sie sich von Ihrem Zimmer ausgeschlossen haben, bewahren Sie Ruhe, und toben Sie nicht.

Ein europäisches Bad ist etwas ganz anderes als ein japanisches Bad: Man erledigt grundsätzlich alles in der Badewanne. Seifen Sie sich bitte nie außerhalb der Badewanne ein, und gießen Sie auch nicht außerhalb der Badewanne Wasser über sich. Man wäscht sich in der Badewanne und braust sich anschließend ab. Beim Duschen achten Sie darauf, daß der Vorhang innen in die Badewanne hineinhängt, damit es außen nicht naß wird. Wenn es keine Dusche gibt, lassen Sie die Seifenlauge abfließen und füllen Sie die Wanne mit frischem Wasser. Es gehört zu Ihrer Pflicht als Gast, nach dem Baden das Wasser abzulassen und die Wanne sorgfältig zu reinigen. Wischen Sie alle Tropfen außen an der Wanne mit dem Handtuch weg. Falls eine Kordel von der Decke hängt, ziehen Sie bitte nicht daran, denn es könnte eine Klingel für Notfälle sein.

Westliche WC’s können sehr gefährlich sein. Sie haben die Form eines Pferdefußes und sind in der Regel mit einem oberen ovalen Deckel versehen, den man hochklappen kann. Darunter befindet sich aus Holz oder Plastik eine sogenannte Brille, die man auch hochklappen kann, aber nicht hochklappen soll. Man setzt’sich auf diese Brille wie auf einen Stuhl, und zwar mit dem Rücken zur Wand. In dieser Stellung erledigt man sein Geschäft. Hocken Sie sich niemals in umgekehrter Richtung mit den Füßen auf den Brillenrand. Der aufgeklappte obere Deckel gibt keinen Halt. Es sind so schon viele Japaner im Ausland verunglückt.

Dem Toilettenbecken äußerlich sehr ähnlich, aber etwas niedriger gebaut und ohne Brille ist das Bidet. Es hat einen Springbrunnen in der Mitte. Das ist eine Waschangelegenheit, die nicht für Herren gedacht ist. Aber auch Frauen sollten das Bidet lieber nicht benutzen. Schon manche Japanerin hat sich hier schmerzhaft verbrüht... weil als Symbol für "kalt" im Englischen "c" – cold benützt wird. Im Französischen bedeutet "c" aber "chaud" – heiß.

Im Restaurant

Hier gilt für Sie als oberstes Gesetz: keine Geräusche machen. Man soll nicht laut reden, nicht laut lachen, die Suppe nicht schlürfen und mit den Bestecken nicht klappern. Beim Reinigen der Zähne mit dem Zahnstocher dürfen keine schmatzenden Laute entstehen. Wird beim Essen Wasser geboten, so ist dieses nicht zum Gurgeln da. Auch Aufstoßen und Rülpsen dürfen Sie nicht.

Warnung vorm westlichen WC

Übers Geld

Sehr lästig ist die Frage der Trinkgelder. Man weiß eigentlich nie, wann man etwas geben, muß und wieviel. Es richtet sich nach der Dankbarkeit, die man im jeweiligen Fall für diese Bedienung zeigen möchte. Bleiben Sie zum Beispiel längere Zeit in einem Hotel, so empfiehlt es sich, täglich morgens etwas Geld unter das Kopfkissen zu legen. Dem Gepäckträger im Hotel und dem Kellner, der Ihnen bestellte Sachen aufs Zimmer bringt, müssen Sie ein Trinkgeld verabreichen. Auch wenn Sie ein Taxi nehmen, wird von Ihnen ein Trinkgeld erwartet, – und zwar ein um so höheres, je weiter Sie gefahren sind und je mehr Gepäckstücke Sie haben.

Im Restaurant sollten Sie 15 Prozent zum Essenspreis dazurechnen und auf das Wechselgeld verzichten. Falls die Bedienung schon im Preis inbegriffen ist, geben Sie ruhig noch 5 Prozent dazu. Auch an jeder Garderobe, bei den Toilettenfrauen sowie den Platzanweiserinnen im Kino und im Theater dürfen Sie Trinkgelder nicht vergessen.

Auf der Straße

Die Menschen im Westen sind noch nicht daran gewöhnt, von Touristen viel photographiert zu werden. Besser ist es also, Sie fragen vorher um Einverständnis. Besonders beim Gottesdienst haben es viele nicht gern, photographiert zu werden. Meistens ist Photographieren dort sogar offiziell verboten.

Niemand im Westen spuckt auf die Straße. Zigarettenkippen und Papiertaschentücher wegzuwerfen, ist dort streng verboten. In Hinterhöfen, dunklen Gassen oder unter Brücken, wo niemand hinsieht, sein Bedürfnis zu verrichten, ist polizeilich untersagt und deshalb tut es auch niemand. Wenn Sie unbedingt müssen, gehen Sie bitte zum nächstbesten Restaurant, in ein Kaufhaus, ein Hotel oder zu einer Tankstelle.

Übers Einkaufen

Warnung vorm westlichen WC

Seien Sie darauf gefaßt, daß die Art, wie man im Westen Wechselgeld bei einem Einkauf zurückgibt, ganz anders ist als in Japan. Wenn Sie etwas für 5,80 Dollar gekauft haben und einen 10-Dollar-Schein hinlegen, sagt zu Ihnen die Verkäuferin: "5 Dollar 80, 5 Dollar 90, 6 Dollar, 7 Dollar, 8 Dollar, 9 Dollar, 10 Dollar" und gibt Ihnen dabei Geld heraus. Sie müssen dann selbst nachrechnen, ob sie Ihnen 4 Dollar 20 zurückgegeben hat.

Wenn Sie. dann ans Zahlen kommen und Sie haben Ihr Geld in einem Beutel an sicherem Ort, unter dem Hemd oder hinter’dem Gürtel, verwahrt, so gilt es als sehr unfein, vor den Verkäuferinnen diesen Beutel herauszuangeln. Deswegen denken Sie daran, das täglich benötigte Kleingeld rechtzeitig von den großen Summen abzutrennen und immer griffbereit im Portemonnaie bei sich zu tragen.

Wenn Sie diese Regeln befolgen, werden Sie eine glückliche Weltreise erleben – Sie, der Weltmann und unser Diplomat.