Von Ella Lingens

Es gab in Wien einen Gynäkologen (er lebt nicht mehr), der sich gegenüber schwangeren Frauen, die bei ihm Hilfe suchten, folgendes Verhalten zurechtgelegt hatte: Er führte zunächst ein sehr ernstes Gespräch über die Frage, ob die Frau sich nicht doch dazu entschließen wolle, ihr Kind, auszutragen. Wurde das mit aller Entschiedenheit verneint und lag der Termin, zu dem sie ihre Menses erwartet hatte, nicht mehr als höchstens drei Wochen zurück, so beendete er das Gespräch mit der Aufforderung: "Lassen Sie sich erst einmal ansehen, wer weiß, ob Sie wirklich schwanger sind. Es kommen ja gelegentlich Zyklusstörungen auch aus anderen Ursachen vor."

Während er nun untersuchte, drehte er eine sterile Sonde einige Male energisch, im Uterus herum, dann entließ er die Patientin mit den Worten: "Ich glaube ganz sicher sagen zu können, daß Sie nicht schwanger sind. Es sieht so aus, als stünde Ihre Menses unmittelbar bevor. Wegen der Verspätung wird sie wohl diesmal stärker ausfallen als gewöhnlich. Kommen Sie deshalb unbedingt wieder zu mir, wenn Sie zu bluten beginnen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie nicht zu viel Blut verlieren, dann werden Sie wieder ganz in Ordnung sein." Beim zweiten Mal schickte er die Frau mit der Diagnose eines fraglichen beginnenden Aborts ins Spital.

Nach den Gründen seines Vorgehens gefragt, sagte er: "Ich will daran nicht verdienen, sondern helfen. Eine Anzeige will ich nicht riskieren. Und ich will diesen Frauen ersparen, daß sie nachträglich ein Schuldgefühl entwickeln, das ihnen durch das Gesetz oktroyiert wird, das sie aber von sich aus niemals empfunden hätten. Auf diese Weise haben sie eigentlich gar nichts erlebt."

Die medizinische und standesethische Seite dieses Verhaltens steht hier nicht zur Diskussion, wohl aber der letzte Satz dieser Verantwortung. Kann, wenn das primäre Taterlebnis fehlt, nur aus sekundären Verbotsvorstellungen heraus eine echte, emotionell verankerte Tabuisierung eines strafbedrohten Verhaltens erfolgen?

Während des Krieges kam eine junge Jüdin, die in Dachkammern und Kellern versteckt lebte, zu einer Hebamme. Sie hatte ihre Schwangerschaft sehr spät bemerkt und lange vergeblich nach Hilfe gesucht, so war sie schon am Ende des fünften Monats. Die Hebamme leitete eine Fehlgeburt ein. Die Frau konnte sich in ihrem Versteck halten und überlebte.

Eine den damaligen Lebensumständen entsprechende großzügige Interpretation des Gesetzes würde die Rechtswidrigkeit dieser Abtreibung verneinen, da sie zur Rettung des Lebens der Mutter unerläßlich war. Auch das konservativste Gericht, wahrscheinlich sogar jeder Moraltheologe, hätte die Frau freigesprochen. Trotzdem kommt sie noch heute nicht darüber hinweg, daß sie selbst den Mord an ihrem Kind bestellt hat. Sie fühlt sich schuldig, entgegen allen rationalen Überlegungen.