Bremen

Einer von der CDU sagte im Vorbeigehen hinter der Hand: "Ich war mal eben drüben bei der SPD. Die sind schön nervös." Einer von der SPD sagte: "Ich war mal eben drüben bei der CDU. Nervös sind die Leute." Und einer von der FDP: "Wenn einer von uns jetzt mal bei der SPD oder der CDU vorbeischauen würde, wetten, die würden nervös."

Alles traf sich in Bremens guter Stube zwischen Rathaus, Roland, Dom und Böttcherstraße am ersten Oktoberwochenende, dem letzten vor der Wahl am 10. Oktober. Verkaufsoffener Sonnabend, die Luft wie im Frühling, halb Bremen auf den Beinen – und alle Parteien im Endspurt. Weil die City so riesig nicht ist, macht es einige Mühe, einander aus dem Wege zu gehen. Die CDU wollte nicht so gern auf die "Und heute hört uns Deutschland" singende DKP stoßen, also umschlenkerte ihr Faschingsumzug sorglich die Kommunisten. Der Apfelwein, den die hessische FDP aus purer Anhänglichkeit für ihre Freunde an der Weser eingeflogen hatte, durfte nicht ins Freibier der Sozialdemokraten tropfen. Die schenkten in Rolands Nähe aus. Die NPD hatte keine Parkerlaubnis im Parkverbot beantragt: Ihre Drei-Wagen-Flotte umkreiste die Innenstadt wie ein Mutterschiff den Mond.

Es war ein richtiges Volksfest. Die Leute von Bremen feierten – mit Tanz, Wein, Bier und Eis. Und sie rannten immer hin und her zwischen den improvisierten Sitzen der Parteien. Und sie erfuhren: Der Spitzenkandidat Koschnick hat vor der Wahl mindestens 70 Presseleute zu Besuch gehabt, aber der Spitzenkandidat Cassens bestimmt 90, und der Spitzenkandidat Borttscheller hat bei hundert aufgehört zu zählen.

Noch ein Gläschen für die ältere Dame. Apfelwein, Gesinge, Bier, Gezuckertes und viele Plakate und viele Reden. Die Dame lächelt in den goldenen Oktober: "Da kommt man ja bei kleinem ganz durchhin." Aus dem Bremischen übersetzt heißt das: Allmählich gerät man ein bißchen durcheinander. L. W.