Ein Aufgebot berufener Fachleute schickt sich an, Ordnung in die Welt der deutschen Gastlichkeit zu bringen. Hotel- und Gaststättenverband, Fremdenverkehrsverband und Reisebüroverband streben nach Klarheit und Übersichtlichkeit im Gestrüpp des westdeutschen Zimmerangebots. Der unbehauste Zeitgenosse soll am Einstufungsschema auf den ersten Blick den Standard des gewünschten Nachtlagers erkennen. Voraussetzung ist die genaue Kenntnis der bundeseinheitlichen Merkmalseinteilung. Die muß er beherrschen wie das kleine Einmaleins, er muß sie, wie man so sagt, vorwärts und rückwärts beten können. Dann allerdings erschließt sich ihm das einheimische Übernachtungsangebot in allen seinen verborgenen Feinheiten nebst der Gretchenfrage: "Wie hältst du’s mit dem Bettvorleger?"

Der Bettvorleger gehört nicht mehr zur Mindestausstattung wie der eigene Eingang und das Stubenfenster, Bett, Kleiderschrank und ein Stuhl. Vorbei, endgültig vorbei die Zeiten, in denen die Reisenden des nachts mit den Armen über einem aufgespannten Seil hingen. Wer zur landesüblichen Mindestausstattung noch den Bettvorleger aufzuweisen hat, einen Waschtisch mit fließendem Kalt- und Warmwasser, Etagen-WC und die Voraussetzung fürs deutsche Hotelfrühstück, der gehört in seiner Kategorie schon zur gehobenen Mitte.

Die Merkmalseinteiler haben den bundesdeutschen Hotelstandard in 35 markante Einzelteile von Zimmerausstattung, Komfort des Hauses und Dienstleistungen zerlegt. Das System ist von fundamentaler Einfachheit. Jedes Detail ist ein Pluspunkt, je mehr davon eine Herberge hat, um so hochkarätiger ist sie. Etwa so: Empfangstheke mit durchgehender Auskunft gibt einen Pluspunkt, parliert der Portier in zwei fremden Zungen, gibt’s wieder einen. Von Minuspunkten ist selbstverständlich nicht die Rede.

Die Merkmalseinteilung stützt sich auf die bislang nicht unübliche Gliederung in Privatzimmer (P), Hotel garni- und Fremdenheimzimmer (F), Gasthof- und Pensionszimmer (G) und Hotelzimmer (H). In jeder Kategorie gibt’s drei Einstufungen, einfach (I), gut (II) und sehr gut (III). Und dann kommen die Kombinationen: IIP ist besser als IF, II F besser als I G, II G so gut wie I H, und III P ist besser als I und II F, I und II G sowie I H. Oder anders ausgedrückt: Ein sehr gutes Privatzimmer ist jedem Nachtlager in einfachen Garnis und Fremdenheimen, Gasthöfen, Pensionen und Hotels vorzuziehen, es ist sogar besser als das vergleichbare Angebot guter Garnis und Gasthöfe und wird nur von guten bis sehr guten Hotels übertroffen.

Die Unsicherheit ist gebannt. Mit den 35 Positionen der Merkmalseinteilung ist unliebsames Erwachen bundesweit ausgeschlossen. Keiner, nicht Gast noch Gastwirt, kann sich damit herausreden, er hätte es nicht gewußt. Nun weiß er’s. Der unbehauste Zeitgenosse liegt fortan, so wie er sich bettet.

Auch die erzieherische Absicht ist erkennbar. Die Schlummermutter wird die Anschaffung eines preiswerten Bettvorlegers im Interesse einer besseren Zensur bestimmt nicht scheuen. Der Manager des großen Hotels braucht dazu eine hauseigene Garküche und eine Bar, Halle und Lift, Etagenservice und Gepäckdienst.

Es geht aufwärts mit der westdeutschen Hotellerie! Wolfgang Boller