Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Gibt es eine Besuchsregelung schon zu Weihnachten? Diese Frage stellten sich die West-Berliner jetzt wahrscheinlich zum letztenmal. Denn wenn das Vier-Mächte-Abkommen erfüllt und unterschrieben ist, werden Besuche in Ost-Berlin wieder eine Selbstverständlichkeit sein.

Senatsdirektor Müller drückte sich vorsichtig aus, als er am Montag dieser Woche aus Ost-Berlin zurückkam, wo zum erstenmal ernsthaft über die Besuche von West-Berlinern und über den Gebietsaustausch verhandelt worden war, er halte eine Besuchsregelung zu Weihnachten "nicht für unmöglich", sagte Müller. Doch ist die Stimmung im Rathaus Schöneberg, etwas zuversichtlicher, als es diese Worte erkennen lassen.

Für einen raschen Fortgang der Verhandlungen spricht die Annahme, daß die Sowjetunion sich von der Nato-Tagung in Brüssel Anfang Dezember eine grundsätzliche Zustimmung zur Europäischen Sicherheitskonferenz erhofft. Dieses Plazet gibt es aber nur, wenn bis dahin das Berlin-Abkommen unter Dach und Fach, oder zumindest erkennbar auf dem Wege dahin ist. Das hieße, daß Müller und Kohrt, aber auch Bahr und Kohl bereits in vier Wochen zu greifbaren Ergebnissen gekommen sein müßten. Auch bei mehrtägigen intensiven Verhandlungsrunden und gesonderten Expertengesprächen wäre dies allerdings ein außerordentlich knapp bemessener Zeitplan. Denn anders als in der Schlußrunde der Botschaftergespräche geht es auf der deutschen Ebene um einen genauen und detaillierten Katalog von Regelungen, die allen denkbaren Belastungen durch Zwischenfälle, politische Spannungen oder Interpretationsunterschiede standhalten müssen.

Zudem sind die von der DDR vorgelegten Vertragsentwürfe offenbar nicht so entgegenkommend, daß ihnen im Prinzip zugestimmt werden kann. Noch immer – zum Beispiel – möchte die DDR die Besuche in Ost-Berlin begrenzen, sowohl was die Häufigkeit der Besuche als auch die tägliche Zahl der Besucher angeht. Auf solche Beschränkungen will sich der Senat nicht einlassen.

Mindestens ebenso schwierig sind die Gespräche zwischen Bahr und Kohl. Die DDR möchte sicher sein, daß ihr trotz der stark eingeschränkten Kontrollmöglichkeiten im Berlin-Verkehr keine Bürger abhanden kommen. Dabei kann ihr die Bundesregierung aus verfassungsrechtlichen, aber auch aus moralischen Gründen nicht behilflich sein.