Man kann nicht den Patriotismus als atavistisch ansehen und dabei Mitglied von Kegelklubs oder Dichterkränzchen sein.

Hermann Hesse

Spinnen bei LSD

In Anbetracht der 315 000 registrierten Heroinsüchtigen lassen die USA nichts unversucht, um fundamentale Antworten zu Drogenwirkungen zu erhalten. Ob allerdings die Experimente, die der Psychologe Dr. Peter Witt durchgeführt hat, zur Klärung beitragen, fragen sich nicht nur die Fachleute. Seit 22 Jahren füttert Dr. Witt Spinnen mit verschiedenen Rauschmitteln und photographiert anschließend ihre im Rausch gewobenen Netze. Bei hohen Dosen von LSD, beispielsweise, weben die Spinnen dreidimensionale Netze, die zwar nunmehr psychedelische Effekte haben, aber nicht mehr die Funktion des Beutefangens erfüllen. Bei noch höheren Mengen von LSD wird die Spinnerei überhaupt eingestellt. Wenn es jetzt Dr. Witt noch gelänge, sinnvolle Analogien zwischen dem menschlichen Organismus und dem seiner Versuchstiere nachzuweisen, wäre ein neuer Stand in der wissenschaftlichen Drogenforschung erreicht.

Figaro hier, Figaro da

Im Herbst dieses Jahres wird der Komponist Pierre Boulez zwei der umfangreichsten und einflußreichsten Positionen im Weltmusikleben übernehmen: die Leitung des Londoner BBC Symphony Orchestra und des New York Philharmonie Orchestra. Georg Solti, früher Covent Garden, hat vor einiger Zeit zum Chicagoer Symphony Orchestra noch das Orchestre de Paris übernommen und will Rolf Liebermann an der Opera beraten. Wolfgang Sawallisch übernimmt zur Olympiazeit zu den Hamburger Philharmonikern und dem Orchester der Suisse Romande die Münchner Oper. Rudolf Kempe verwaltet neben den Münchner Philharmonikern und dem Londoner Royal Philharmonie das Zürcher Tonhallenorchester. Nun hat Lorin Maazel zu seinem Engagement beim Berliner Radio-Symphonie-Orchester und dem Londoner New Philharmonie noch die arbeitsintensive Chefdirektion des Cleveland Orchestra als Nachfolger von George Szell übernommen. Die Frage erhebt sich da, wieviel Orchester heute jemand leiten muß, um zur ersten Dirigenten-Garnitur zu zählen.

Gertrud von Le Fort

Einen außergewöhnlichen Geburtstag begeht am 11. Oktober in Oberstdorf, wo sie seit 1939 wohnt, die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort: ihren fünfundneunzigsten, 1876 als Tochter eines hugenottisch-preußischen Obristen in Minden geboren, studierte sie Philosophie und Kirchengeschichte, vor allem bei Ernst Troeltsch in Heidelberg, dessen "Glaubenslehre" sie nach seinem Tod herausgab, und trat 1926 in Rom zum Katholizismus über, der fortan das Hauptthema ihres Werks ausmachte. Die größte Verbreitung fand ihre Novelle "Die Letzte am Schafott" aus dem Jahre 1931, wie alle ihre Werke bei Ehrenwirt in München verlegt, und zwar mittlerweile in fünfundzwanzigster Auflage: die Geschichte der Karmeliterin Blanche de la Force, die "Verkörperung der Todesangst einer ganzen zu Ende gehenden Epoche", die diese Angst auf sich nimmt und dadurch instand gesetzt wird, freiwillig das Schafott zu besteigen.